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JAHRBUCH

FÜR

ROMANISCHE und ENGLISCHE LITERATUR

UNTER BESONDERER MITWIRKUNG

VON

FERDINAND WOLF

HERAUSGEGEBEN

Dr. ADOLF EBERT,

PROFESSOK AN DER UNIVEK.SIÄÄT LEIPZIG.

VIERTER BAND.

LEIPZIG: F. A. BROCK HAUS.

1S62.

Inhalt.

Seite Ueber einige bei der Kriti-k der traditionellen schottischen Balladen zu beobachtende Grundsätze; von Ludwig Lemcke (Erster

Artikel) 1

Ariost's Nachahmung der Alten; von /. B. Bolza 16

Weitere Beiträge zur Geschichte des Romans im spanischen Süd- Amerika; von Ferdinand Wolf 35

Die Handschriften der Escorial- Bibliothek aus dem Gebiete der romanischen Literaturen , sowie der englischen ; von Adolf

Ebert 46

Zur Textkritik und Erklärung der Divina Commedia; von Ludwig

Lemcke 70

Fragments inedits d'un lapidaire proven^al; par Paul Meyer ... 78 Kritische Anzeigen:

Etüde sur G. Chaucer, considere comme imitateur des trouveres,

par E. G. Sandras; angezeigt von Adolf Ebert 85

Decameron von H. Steinhöwel, herausgeg. von A. v, Keller;

angezeigt von Felix Liebrecht 106

Sul vivente linguaggio della Toscana, lettere di Giamb. Giuliani,

2" ed.; angezeigt von Adolf Tobler 113

Miscellen :

Englische Redensarten; von Felix Liebrecht 118

Die „Nebulosa" von Joaquim Manuel de Macedo; von Ferd. Wolf Til Üeber einige bei der Kritik der traditionellen schottischen Balladen

zu beobachtende Grundsätze; von Ludwig Lemcke (Zweiter

Artikel) 142

Erasmus in Spanien; von Ed. Boehmer 158

Ueber eine italienische Bearbeitung der Sieben Weisen Meister;

von Adolf Mussafia 166

Aus einem ungedruckten Commentar zu Dantes Commedia; von

Bergmann 176

Jahresberichte :

I. Die spanische Natiunallitcratur in den Jahren 1860 und 1861 ;

von Mainii-l Mihi ij Fantunais 180

IV Inhalt.

Seite Kritische Anzeigen :

Das Rolandslied, übersetzt von W. Hertz; angez. von Adolf Wolf 209 Marie de France, übersetzt von W. Hertz; angez. von F. Liebrecht 227 Le tresor de Pierre de Corbiac en vers proven^anx public par

Dr. Sachs; angezeigt von Karl Bartsch 229

Miscellen:

Wiederherstellung des Textes der Villon'schen Ballade de Ihon-

neur franijois; von Nagel 238

Juan de los Tiempos; von Felix Liebrecht 238

Bienenkörbe; von demselben 239

Der Satirendichter Giuseppe Giusti ; von E. Ruth 241

Die historischen Verhältnisse des Beowulfliedes; von C \V. M. Grein. 260

Antonio degli Albizzi; von Orlandini 286

Ueber einige bei der Kritik der traditionellen schottischen Balladen , zu beobachtende Grundsätze; von Ludwig Lemcke (Schluss). 297 Epitre farcie pour le jour de Saint-Etienne; publiee par Gaston Paris. 311 Jahresberichte:

II. Die Nationalliteratur der Vereinigten Staaten von Nord- Amerika in den Jahren 1860 61; von F. A. March . . 318 Kritische Anzeigen:

De los Trovadores en Espana, por Manuel Milä y Fontanals;

angez. von K. Bartsch 331

Dante Alighieri's lyrische Gedichte und poetischer Briefwechsel, Text, Uebersetzung und Erklärung von K. Krafft; angez.

von L. Lemcke 346

Miscellen :

Ein neues Zeugniss für den historischen Cid; von Ferd. Wolf. 350

Jahresberichte :

III. Die französische Nationalliteratur im Jahre 1861; von Gaston

Paris 353

Die waldensische Bibel; von Griizmacher 372

Komans (Elegie) sur l'emprisonnement du prince de Viane ; par

F. R. Gambouliu 403

Kritische Anzeigen:

Le bestiaire d'amour par Richard de Fournival, suivi de la re- sponse de la dame; publies par C. Hippeau; Le bei inconnu ou Giglain, poeme de la table ronde par Renauld de Beau- jeu, publ. par C. Hippeau; angez. von A. Mussafia . . . 411 Le breviari d'amor de Mat-fre Ermengaud suivi de sa lettre ä sa soeur, publ. par la Societe archeol. de Beziers; angez. von

K. Bartsch 421

Bibliographie des Jahres 1861; von Adolf Ebert 432

Register 476

Ueber einige bei der Kritik der traditionellen

schottischen Balladen zu beobachtende

Grundsätze.

Als am Schlüsse des ersten Vievtheils des vorigen Jahr- hunderts, m den Jahren 1724 und 1725, Allan Ramsay in seinem Teatahle Miscellany und seinem Evergreen die ersten schüchternen und unbeholfenen Versuche machte, den Geschmack der gebildeten Klassen seiner Nation wieder für die so gut wie vergessene Volksdichtung zu gewinnen, da ahnete er schwerlich, dass er damit den ersten Hammerschlag in ein reiches Lager des edelsten poe- tischen Elzes gethan hatte, mit dessen Ausbeutuno- vier Generationen nach ihm beschäftigt sein würden. Die Resultate dieser Arbeit von nahezu anderthalb Jahrhun- derten liegen in einer langen Reihe grösserer und kleinerer, mehr oder minder werthvoller Sammlungen der alten epischen und lynschen Volksgesänge der britischen Inseln vor und unter ihnen haben namentlich die ersteren, die sogenannten Balladen^ nicht nur in ihrem Vaterlande, sondern auch diesseits des Canals das Interesse des For- schers wie des blossen Liebhabers vorzugsweise auf sich gezogen. Die ihnen gewidmeten Sammlungen bilden allein eine nicht unansehnliche Bibliothek und es lassen sich an ihnen die Fortschritte des Geschmackes sowohl wie

Jahrb. f. roui. ii. fiiitl. l,if. IV. 1. i

9 Lemcke

der Kritik in diesem speciellcn Zweige last von .Jahr- zelnid zu Jahrzehnd verfolgen und studiren.

Ramsay's Sammlungen selbst, sowie einige gleichzeitige, weniger bedeutende, l)ekunden zwar im Allgemeinen den Geschmack ihrer Herausgeber, beweisen jedoch zugleich, dass, gegenüber dem Publikum Thce trinkender undL'Hom- bre spielender Ladies und Gentlemen, fiir welche sie sam- melten, nicht eben viel darauf angekommen wäre, wenn sie wirklich etwas weniger natürlichen Geschmack beses- sen hätten. Denn jenes Publikum, w^elches durch sie unvorbereitet aus den Drawing-rooms von Westminster in die Hütte des schottischen lierdsman versetzt wurde, um anstatt des correcten blank verse eines Pope oder Addi- son das tragische Ende einer Lady Maisry oder Fair Janet, die Grausamkeit einer Barbara Allan, oder die Erscheimuig Sweet Willies nach seinem Tode aus dem Munde einer alten Elspat von Craigburnfoot vortragen zu hören und zwar in einem Metrum, das seinem ver- wöhnten Ohre beinahe w'ie Knittelverse klingen musste dieses Publikum hatte, wie überwältigend der luigewohnte Eindruck dieser frischen Klänge auf sein Herz auch sein mochte, doch noch zu wenig klares Verständniss von dem Grunde dieses Eindrucks, um in allen Fällen das Wahre vom Falschen unterscheiden und die Arbeit des Heraus- gebers im Bezug auf das was er gab, einer strengen Prü- fung unterziehen zu können. Noch schlimmer w^ar es, dass, dem Geschmacke jenes Publikums gegenüber, der Herausgeber von Volksdichtungen auch wenn er intellec- tuell in der Lage gewesen wäre, seine Pflicht als solcher ebenso streng zu nehmen, wie wir es in unserer Zeit von ihm verlangen dürften nicht nur herccldigt^ sondern selbst gezwungen war, die Pflicht der Treue gegen sein Original in vielen Fällen zu verletzen. Er musste, w^enn der plötz- liche Gegensatz gegen die bisherigen Gewohnheiten des Publikums nicht abschreckend oder mindestens erkältend wirken sollte, sich diesen Gewohnheiten anbequemen und sich daher mit seinem Texte namentlich in Bezug auf Darstellung und Ausdruck Freiheiten erlauben, die erst der geläutertere Geschmack und die bessere Einsicht

Die traditionellen schottischen Balladen. 3

einer späteren Generation als Entstellungen erkannte. Was Allan Kamsay in dieser Beziehung gesündigt hat, kommt daher ausschliesslich auf Rechnung seiner Zeit.

A\ eich eine grosse, man möchte sagen weltliterarische Bedeutung die nächste Sammlung, Percy's berühmte Relicks of ancient English Poefri/, erlangte, welch einen Einfluss sie auf die Entwickelung der Dichtkunst übte und welchen gewaltigen Anstoss gerade sie der Weiter- forschung auf dem Gebiete der Volksdichtung gab, ist zur Genüge bekannt. Vom grossen Publikum noch im- mer und mit Recht hochgeschätzt als eine der geschmack- vollsten Blumenleseh, noch immer nicht entbehrlich als Quelle, hat doch ihr literarhistorischer Werth von der heutigen Kritik auf ein bescheideneres Mass zurückgefiihrt werden müssen, als dasjenige war, welches ihre Zeitge- nossen ihr zuerkannten. War Ramsay durch den Stand- punkt des Geschmackes seiner Zeit gezwungen worden, sich mit seinen Originalen Freiheiten zu nehmen, so wurde es Percy auch noch durch einen andern Umstand, durch die schlechte BeschaflPenheit des Manuscriptes, aus welchem er schöpfte und welches durch die Zeit so be- denklich gelitten hatte, dass ein grosser Thcil der Stücke die .bedauerlichsten Lücken zeigte; einige waren ftist blosse Torsos. Wollte er daher den grössten Theil seines Schatzes dem Publikum nicht ganz vorenthalten, so musste er die Lücken durch Nachdichtung des Verlorengegan- genen ausfüllen, und wenn er dies in den meisten Fällen auch mit einem Takte und einer angebornen Einsicht in das Wesen der Volksdichtiuig that, welche ihm noch jetzt die Bewunderung des Lesers einbringen, so wäre doch seine Sammlung dadurch für den Literarhistoriker, ohne die Hülfe späterer Forschungen, für alle Zeiten so gut wie inibrauchbar geblieben. Dass ihm aber, dessen eigene Interpolationen im Allgemeinen ein so feines Gefühl für das Voiksthümliche vcrrathen , manche von denjenigen ent- gingen, die schon sein Manuseript enthielt und die jetzt jeder Anfänger in der literarhistorischen Kritik auf den ersten Blick erkennt, ist ein schwer zu erklärender Wider- spruch. Von wiiklich wissenschaftlichen Werthefürseinc Zeit

1*

^ Leiucke

waren die seiner iSaaiinlung vorausgesclucklen Abliaiul- luuüen über die brittisclien Volksdichter, die Minstrels, Vind über die alten englischen Metrical Roinanoes, in wel- chen er zuerst tiefer in diesen Gegenstand eindrang inid die erst in neuerer Zeit durch umfassendere Arbeiten übertrofl'en worden sind.

Durch Beides, sowohl durch das was in seinem Buche wissenschaftliche, wie durch das was bloss populäre Zwecke hatte, war die Liebe für die Volksdichtung beim Publikum und die Lust zum Weiterforschen auf diesem Gebiete bei den dazu Befähigten aufs gewaltigste ange- regt worden. Die bisherigen Sammler hatten fast aus- schliesslich aus älteren Manuscripten oder Drucken ge- schöpft. Nunmehr erkannte man es nicht nur für zweck- mässig sondern auch für nothwendig, sich zu der ergie- bigeren Quelle der bloss mündliciien Tradition zu wenden, welche am reichlichsten im Norden des vereinigten König- reiches floss. Dies geschah zuerst von Herd, der für seine Sammlung, welche 1769 erschien und 1770 und 1791 wiederholt wurde, zum grossen Theile direct oder indirect aus dem Munde des Volkes schöpfte und die Balladenliteratur durch eine Anzahl werthvoller Stücke bereicherte, leider überall ohne Angabe der Quelle im Einzelnen, und ohne Kritik Altes und Neues, wie es ihm vorkam, zusammenwürfelnd. Was seiner Sammlung je- doch im Vergleich zu den vorhergegangenen zu grossem Lobe gereicht, ist, dass er sein Material muthmasslich ganz so wiedergab, wie er es empfangen hatte. Wenig- stens machte er bei mehreren Balladenfragmenten, die er in seine Sammlung aufnahm und deren fehlende Theile erst später entdeckt wurden , keinen Versuch zur Er- gänzung aus eigner Erfindung.

Zu den bisherigen Balladensammlungen hatte Schott- land das überwiegend g-rösste Continoent oreliefert. Das siidliche Schwesterland wollte ungern zurückbleiben. Ver- suche, auch hier unmittelbar aus der Tradition zu schöpfen, scheinen damals nicht gemacht, oder, wenn sie gemacht wurden, nicht gelungen zu sein. Thomas Evans, der im Jahre 1777 das n\m einmal balladendurstig gewordene

Die traditionellen schottischen Balladen. 5

Publikum mit einer reichhaltigen Sammlung englischer Bal- laden beschenkte, schöpfte ausschliesslich aus mehreren auf öffentlichen Bibliotheken betindlichen Sammlungen auf flie- genden Blättern gedruckter Balladen, namentlich aus den nach ihren Ve ranstalte i'n so genannten Pepys'schen vmd Koxburgh'schen Sammlungen. Das Publikum nahm sein Werk mit grossem Beifall auf. Auch gewährt dasselbe für eine gewisse Entwickelungsphase der Balladendichtung überhaupt ein schätzbares Material, wenig oder gar keine Ausbeute jedoch für die acht volksthümliche ,* wie dies bei den Quellen aus welchen der Herausgeber geschöpft hatte, nicht anders sein konnte. Die Gründe davon zu entwickeln liegt ausserhalb unseres gegenwärtigen Zweckes.

Schottland blieb somit vor der Hand das klassische Land der Ballade und die mündliche Tradition wurde die Hauptquelle der Sammler. Die stets zunehmende Gunst, welche das Publikum dem ächten Volksgesange schenkte, erweckte jedoch bald die Lust zu Fälschungen. Das Beispiel dazu gab Pinkerton, der seinen im J. 1781 erschienenen Scottisk Tragic Ballads imd seinen Sehet Scotfish Ballads (178-5) eine Anzahl von ihm selbst ver- fasster, die er für acht ausgab, einverleibte, ein Betrug, den er auch eingestand, nachdem das scharfe Auge des bekannten Kritikers llitson ihn entdeckt hatte.

Ivitson's grosse Verdienste um die altenglische Li- teratur sind zur Genüge bekannt und haben ihm selbst von den zahlreichen Feinden, welche seine Streitsucht und herbe Rücksichtslosigkeit ihm erweckte, nicht verkümmert werden können. Seinen AngriiFen gegen Percy benahm er durch Uebertreibimg und augenfällige Widerspruchs- sucht (bekanntlich bestritt er anfangs hartnäckig sogar die Existenz des von Percy gebrauchten Manuscriptes) selbst den grössten Theil ihrer Wirkung und hielt da- durch gcwissermassen die Fortschritte der Kritik aul, in- sofern er die Sympathien des Publikums dem ar;gegritfenen Thcile zuwandte und eine beiden Theilen gei'echt werdende Würdigung der Streitfrage verhinderte. Die Gegenwart kann von ihrem Standpunkte aus unmöglich verkennen, dass seinen oft einseitigen Behauptungen ein grosser

{') Lenickc

kritischer Takt zum Grunde lag und dass sie die Keime jener besonneneren, phantastische Conjecturen von sich weisenden Kritik enthalten, welche seiner Zeit noch un- willkonnnen war, heut zu Tage jedoch nach ihrem wahren Werthe geschätzt wird. Die Zahl der in seinen verschie- denen Sammlungen zerstreuten neuen Beiträge zur ächten epischen Volksdichtung ist nvir klein, aber die kritische Schärfe und Gründlichkeit seiner Untersuchungen sowie seine vunfossende antiquarische Gelehrsamkeit haben zwei- felsohne ifh hohen Grade läuternd 'auf die Kritik in die- sem Gebiete gewirkt, und sind indirect und gegen seinen Willen der von ihm geringgeschätzten ächten Volksdich- tung, die er selbst nur als rohe Bänkelsängerei betrachtete, zu Gute gekommen.

Abgerechnet einige o-elescentliche neue Beiträge zu dem bisherigen schottischen Balladenschatze in verschie- denen Sammelwerken, unter welchen besonders J. John- son's The Scots Musical Museum genannt zu werden ver- dient, erschien bis zum Jahre 1802 wenig für dieselbe. In diesem und dem folgenden Jahre aber trat in Walter Scott's Minstrelsy of the Scottish Bordcr eine Sammlung ans Licht, welche in diesem Zweige der Literatur als Epoche machend betrachtet werden muss, für das schot- tische Volk ein wahres Nationalwerk und, wie ein gleich zu erwähnender neuerer Arbeiter auf demselben Felde ^) sagt: „ein ebenso edles wie interessantes Denkmal uner- müdeten Sammlerfleisses, gründlicher Gelehrsamkeit und feinen Geschmackes des berühmten Herausgebers, Avelches seinem vollen Werthe nach erst dann wird geschätzt wer- den können in jener noch im Schoosse der Zukunft schlum- merden Zeit, wann die interessanten Ueberlieferungen, die ritterlichen und romantischen Legenden, der phan- tastische Aberglauben und der tragische Gesang Schott- lands aus dem Gedächtnisse der Lebenden vollständig verschwimden sein werden". Scott's Minstrelsy war die erste grössere Sammlung, welche ausschliesslich aus der mündlichen Tradition geschöpft war. Von den in ihr

>) Motherwell, Infrod. LXXIX.

Die traditionellen schottischen Balladen. 7

enthaltenen Balladen waren 45 ganz neu, der Kest bestand aus bisher unbekannten, oder vollständigen Versionen schon anderswo ganz oder nur fragmentarisch publicirter Balladen. In Scott vereinigte sich zum ersten Male der unermiidliche, ja leidenschaftliche Alterthumsforscher und der hochbegabte Dichter zu dem Werke, die ächten Volksgesänge seines Vaterlandes der Vergessenheit zu entreissen. Seine gewissenhafte Treue im Wiedergeben der empfangenen Tradition, welche anfjings von manchen Seiten ungerechterweise angezweifelt wurde (denn nun- mehr sah man bereits in jener Treue die erste Pflicht eines Herausgebers von Volksdichtungen) ist durch spä- tere Forschuugen hinreichend dargethan. Dass er hin und wieder I^ücken durch Ilinzudichtung ausfüllte , darf man, da er es stets gewissenhaft erwähnte, ungeriio;t lassen. Dagegen gab er zuerst das gefährliche Beispiel zu einem Missbrauche, welcher bis auf die neueste Zeit von fast allen englischen Herausgebern traditioneller Bal- laden o;ei\bt und von den meisten mit nicht zu besieiren- der Hartnäckigkeit vertheidigt worden ist, obwohl sich die strenge Kritik aufs entschiedendste dagegen ausspre- chen niuss. Hiervon weiter unten.

Scott's nächster Nachfolger war R. Jamieson, dessen Populär Ballads and Songs (Edinburgh, 1800) den bis- hei'igen Balladenschatz um beinahe zwanzig ganz neue Stücke und eine Anzahl neuer Versionen, sämmtlich di- rect oder indirect der mündlichen Ueberlieferung entnom- nonnnen, und zum Tlieil von bedeutendem Werth, ver- mehrte. In der Behandkmg des Textes folgte Jamieson dem von Scott gegeljonen Beispiele. Wie sein Balladen- buch als Quellensanniiluug liöchst wichtig war, so hat sich Jamieson auch um die Geschichte der Balladendichtun»- ein bedeutendt-s Verdienst erworben durch seine in Ver- bindung mit II. Weber und W. Scott herausgegebenen Illustrations of Northern Antiquities (1S14), für welche er die deutschen, dänischen, schwedischen und isländischen Balladen, die mit bekannten schottischen einen o-leichcn oder verwandten Stoff behandeln, übersetzte und mit einer sehr lehrreichen Einleitung versali. Ilinniit war znni cisteu

8 Lemcke

Male die bis dahin so uut wie ausser Acht f^elasseue Verbindung eines Theile.s der schottischen Balladen mit denen anderer nordischen Nationen nachgewiesen und für die Geschichte der brittischcn Volksdichtung ein ncuci- Fingerzeig gegeben, dessen Wichtigkeit von den Eng- ländern und Schotten bei weitem noch nicht gc1)ührend geschätzt worden ist.

Nach mehreren kleineren Sammlungen, unter welchen die von Sharpe, Maidmcut und Kinloch als solche genannt werden müssen, denen die Literatur der traditionellen Balladen neue und werthvolle Beiträge verdankt, erschien 1827 wieder ein Epoche machendes Werk in W. Mother- well's Minstrdsy aiicicnt and mnodern^ bis jetzt die bei weitem bedeutendste Erscheinung auf diesem Gebiete in wissenschaftlicher Beziehung. Was ihr als Sammlung an Reichhaltigkeit abgeht, das ersetzt sie doppelt durch die grosse Wichtigkeit mehrerer der darin mitgetheilten Stücke, theils bis dahin unbekannter, theils neuer Ver- sionen schon bekannter Balladen, von welchen einige ein üranz neues Licht auf den betreffenden Gegenstand wer- fen. Der wichtigste Theil des Buches aber ist die Ein- leitung, welche den ersten und bis jetzt bei weitem den besten Versuch einer zusammenhängenden Darstellung des Wesens und der Geschichte der schottischen Balla- dendichtung enthält und ebenso sehr von der gründlichen Vertrautheit des Verfassers mit seinem Gegenstande, wäe von seinem kritischen Scharfsinn und seiner geistreichen Auffassungsweise Zeugniss ablegt. Welch eine umfassende Kenntniss des Materials den Verfasser zu seiner Mono- graphie befähigte, zeigt die derselben angehängte voll- ständige Bibliographie aller bis auf seine Zeit erschienenen Balladensammluno;en mit zahh^eichen Anmerkunj^en über alle einzelnen Balladen, ihre Verbindung und ihre ver- schiedenen Versionen, w^elche die ganze Masse des Stof- fes überschauen lassen imd die nützlichsten, nur leider noch immer zu wenig beachteten Winke für die Kritik enthalten. Schade nur, dass dieser Theil der Arbeit aber auch zugleich Zeugniss davon gibt, wie manches augenscheinlich höchst wichtijre Stück, in dessen Besitze

Die traditiuiiellen schottischen Balladen. 9

Motherwell sieh befand, er dem Publikum vorenthal- ten hat.

Den Beschluss der selbständigen ßalladensamniler in grösserem Umfange macht P. Buchan, welcher schon 1825 einen kleinen Band Gleanings of Scotch, English and Irish scarce old Ballads herausgegeben hatte, im Jahre 1828 mit seinen Ancient Ballads and Songs of the North of Scotland, einer sehr reichhaltigen, eine bedeu- tende Anzahl ganz neuer Balladen bietenden Sannnlung, welche anfangs grosse Hoffnungen erregte, um so mehr als der Sammler verschiedene bis dahin noch wenig be- nutzte Distrikte Schottlands für seinen Zweck ausgebeu- tet hatte. Eine genauere Priifung hat diese Hoffnungen getäuscht und erkennen lassen, dass bei weitem die mei- sten der von Buchan mitgetheilten Balladen bedeutend durch Interpolationen, zum Theil der schlechtesten Art, gelitten haben und nur in den Fällen einen gewissen AVerth haben, wo alle anderen Quellen im Stiche lassen.

Ueberschaut man mit einem Blick die Gesammt- masse dessen, was bis jetzt für die Sammlung imd Her- ausgabe der schottischen Volksballaden geschehen ist, so wird man zugeben müssen, dass die Schotten es nicht an Fleiss und Eifer haben fehlen lassen, die alten Ueberreste ihrer Volksdichtung der Vergessenheit zu entreissen und vor dem immer näher drohenden gänzlichen Unteraange zu bew^ahren. Allem Anscheine nach ist die Quelle der directen mündlichen Tradition ihrer Erschöpfung nahe und wenn nicht, was allerdings keineswegs unwahrschein- lich ist, noch hie und da indirecte Quellen derselben, d. h. handschriftliche Sammlungen schon früher aus dem Volksmimde aufgezeichneter Balladen, im Staube von Öf- fentlichen oder Privatbibliotheken entdeckt werden, so diirfte der grosseste Theil der auf diesem Boden zu er- reichenden Ernte als eingescheuert zu betrachten sein. Schwerlich dürften auch neue Entdeckungen, die etwa noch gemacht wei'den könnten, geeignet sein, ein völlig neues Licht über den Gegenstand zu verbreiten und die Ansichten, welche aus dem bisher bekannt gewordenen Material «rcwonncn werden können, uinziistossou.

J^Q Lenickc

Es beginnt daher jetzt tVir die schottische Balhiden- dichtung die Arbeit des Literarhistorikers, d. h. die Aul- gabe, das gewonnene Material zu sichten, das zeitlicli, örtlich und stofflich Zusannnengehörige zusammen zu ordnen, und auf diese Weise einen Ueberblick über den allniälioren Entwickeluni^siriniüi; der ei^ischen Volksdichtung in Schottland zu ennöglichen. Es handelt sich, mit einem Worte, um eine kritische Sammlung, denn ausser den bis- herigen ist keine einzige, welche auch nur einigermassen einen Anspruch auf diesen Namen hat. Zwar lässt sich, wie wir oben gesehen haben, in den bisherigen Arbeiten ein allmäliser Fortschritt zur richtigen Erkenntniss des- sen, worauf es ankam, und in Folge davon eine stufen- weise Besserung in der Behandlung des Gegenstandes nicht verkennen. In dem Masse, wie das Material anwuchs, lernten die Herausgeber zunächst die ächte Volksdichtung von der unächten unterscheiden, dann die verschiedenen Versionen selbst sichten, die achteren und besseren mit grösserer Sicherheit bestimmen, Interpola- tionen herausfinden, und endlich, als Folge dieser besseren Erkenntniss, den Text in angemessenerer Weise behan- deln als früher. Aber eine consequente Durchführung be- stimmter und gesunder kritischer Grundsätze ist in keiner der bisherigen Sammlungen zu finden. Versuche, denen eine Ahnung von einer solchen Aufgabe zum Grunde lag, sind in neuerer Zeit mehrmals gemacht werden, zuerst im J. 1829 von R. Chambers, auf dessen Arbeit wir un- ten zurückkommen, 1854 von Whitelaw und endlich in den letzten Jahren von Child und von Aytouu, über deren Werke wir uns hier der weiteren Erörterung enthalten können, da dieselben erst im vorigen Jahre im 2. Bande des Jahrbuches ebenso gründlich wie einsichtsvoll von einem tüchtigen Sachkenner besprochen worden sind. Alle diese Versuche haben, wie auch der trefiliche Refe- rent über die beiden letzten gezeigt, wohl einen Anlauf zu einer kritischen Behandlung genommen, sind aber weit hinter ihrem Ziele zurückgeblieben.

lieber den Grund dieses Misslingens kann demjeni- gen, welcher die bisherigen Arbeiten der Engländer und

Die traditionellen schottischen Balladen. IX

Schotten auf diesem Gebiete aufmerksam verfolgt hat, kein Zweifel bleiben. Es ist eben der, dass die literar- historische Kritik der Engländer im Allgemeinen noch immer auf einem Standpunkte steht, von welchem aus sie das Interesse des bloss geniessenden Lesers mehr im Auge hat, als das Interesse der eigentlichen Wissen- schaft. Von einer Literaturgeschichte als historischer Dis- ciphn haben die Engländer im Grossen und Ganzen wenige ausgezeichnete Vertreter dieser Richtung abge- rechnet — noch kein rechtes Verständniss. Die meisten stehen, selbst wo sie in der Theorie wissenschaftlich zu sein scheinen, praktisch noch immer vorzugsweise auf dem rein üsthetisdien Standpunkte oder fallen wenigstens, oft ohne es zu wissen, wieder auf denselben zurück. Für den vorliegenden Fall erklärt sich dies noch ausserdem durch den Umstand, dass mehrere und gerade die aus- gezeichnetsten und eifrigsten Balladensammler selbst Dich- ter waren. Die Encrläiider sind sehr ""eneioft, gerade die- sen Umstand als eine Empfehlung mit Bezug auf den Zweck anzusehen und wir sind weit entfernt, die grossen Vortheile zu verkennen, welche er ganz besonders für die Sammlung des Materials hat. Auch können wir es in Deutschland, wo überhaupt schon der wissenschaftliche Standpunkt das richtige Gleichgewicht mit andern hat, nur als ein sehr glückliches Zusammentrefi'en ansehen, wenn sich zu Zwecken wie der hier in Rede stehende, der Dichter \uid der Forscher in einer Person vereinigen. In England jedoch scheint uns da, wo es sich um die wissenschaftliche Ausbeute aus dem Gewonnenen, na- mentlich um die historische Scheidung desselben handelt, der Dichter weniger an seinem Platze. Selbst der tüch- tige Motherwell macht mehr als einmal einen Unterschied zwischen dem Freunde der Dichtkunst und dem was er den „Antiquary" nennt, in einer AVeise, welche zeigt, dass er das Interesse des letzteren mit Bewusstsein hin- tenansetzt. Ja er wirft einige Male (z. B. Introd. LXXXIII, !)1) sogar einen spöttischen Seitenblick auf ihn, und liat mehr als ein augenscheinlich höchst wichtiges Stück aus seinen Samndungen bloss deshalb dem Leser vorenthalten.

12 Lcmcko

weil dasselbe eigentlich nur Interesse für den „Antiquary" gehabt hätte. Er vergisst dabei ganz, oder vielmehr, er hat auf" dem Standpunkte der englischen Kritik noch kei- nen Begrifi' davon, dass der wissenschaftliche Literatur- historiker ebenso gut ein ,,Antiquary" ist, wie derjenige, welcher sein Studium alten Wafien, Münzen u. s. w. widmet und dass er daher eine Berücksichtigung seines Interesses zu fordern hat. Und doch nimmt Motherwell, in Bezug auf wissenschaftlichen Geist, den ersten Platz unter den schottischen Balladensammlern ein. Kein Wun- der daher, wenn andere den Anforderungen der Wissen- schaft noch weniger Rechnung getragen haben.

Einen eclatanten Beleg hierzu bietet zunächst dieje- nige Behandlung des Textes der Balladen, welche, wie schon oben kurz angedeutet, von W. Scott eingeführt und von den meisten seiner Nachfolger nachgeahmt wor- den ist. Diese Behandlung besteht in dem was die Heraus- geber von Balladen mit einem Euphemismus „Collationi- rung" nennen, d. h. die Aufnahme einzelner Verse oder ganzer Strophen, ja ganzer Strophenreihen einer Balladen- version in eine andere. Anfangs hatte dies Verfahren nur den Zweck, schon als acht erkannte aber lückenhaft erhaltene Balladen durch Aufnahme des Fehlenden aus einer andern Version zu vervollständigen, und zu diesem Zwecke angewandt, verdient es, namentlich wo es sich nur um die Ausfüllung kleiner Lücken handelt, eine mildere Beurtheilung. Wie aber ein Missbrauch, wenn ihm nicht zu rechter Zeit Einhalt geschieht, sehr bald riesenhafte Dimensionen annimmt, so ist auch dieser in neuerer Zeit bis zu dem vermessenen Unternehmen angewachsen, durch Zusammenstellung einzelner herausgesuchter Stücke der verschiedensten Versionen eine angeblich ächte und u,r~ sprüngliche Version herstellen zu wollen. Dass ein sol- ches Verfahren, zu dem nur die bodenloseste Anmassung inspiriren kann, von einem gänzlichen Verkennen des Wesens der traditionellen Volksdichtung zeugt inid ge- radezu eine schwere Versündigung an derselben ist, dass es aber auch wissenschaftlich unter allen Umständen ver- werflich ist, weil es der historischen Sichtung die grössten

Die traditionellen schottischen Balladen. 13

Schwierigkeiten in den Weg legt, ja, dieselbe in manchen Fällen unmöglich macht, das sind so nahe liegende Wahr- heiten, dass sie dem deutschen Kritiker gar nicht erst zu (xemüthe geführt zu werden brauchen; trotzdem aber wollen sie den Engländern noch immer nicht einleuchten. Der einzige Motherwell spricht sich mit seinem gewohnten richtio-en kritischen Takte aufs schärfste und entschic- denste gegen das „Collationiren" aus, ist aber freilich prak- tisch mit seiner eigenen Ansicht in Widerspruch gerathen, indem er selbst das Verfahren, wenngleich nur bei einer kleinen Anzahl der von ihm publicirten Balladen und in massvollster Weise, in Anwendung gebracht hat. Also auch hier eine Concession des Forsc/iers cm den Dilettanten! Bis zum Widersinn hat aber 1\. Chambers diesen Missbrauch getrieben, der die einzelnen Balladen seiner 1829 erschienenen Anthologie aus fast allen vor- handenen Versionen zusammenschmolz und dadurch wahre Missgeburten schuf, welche im Grunde den bloss ge- niessenden Leser ebenso anwidern müssen , wie den wis- senschaftlichen Forscher. Dennoch aber erklären die Engländer the merits of Ins collection für well knoirfi and generally acknowledyed. So wenigstens spricht sich Ay- toun aus (The Ballads of Scotland, Vol. I, Introd. LI), der seiner Balladensammlung ganz dasselbe Princip zum Grunde legte, und wenn er es auch weit taktvoller be- folo-te, seinem Buche doch dadurch fast allen Werth für die Wissenschaft geraubt hat. Von dem Grade seiner Ein- sicht in das, worauf es der letzteren ankommen muss, zeugt die Argumentation, womit er das CoUationirungs- verfahren gegen MotherwelFs strenges Verdammungsur- theil vertheidigt. Ein Herausgeber, meint er u. A., der MotherwelFs Grundsätze befolgen wolle, würde gezwun- gen sein, entweder nur die für die beste erkannte Ver- sion einer Ballade zu geben und in diesem Falle würde das Balladenbuch elendiglich eingeschrumpft sein (the ballad-book would be miserably shorn) oder er müsste Alle^ geben, was ihm unter die Hände komme und „in this case the ballad-book would be s wollen into such dropsi- cal diniensions, tliat few would have cared to \r>ok on

14 Lemcke

its hloated surfacc". Für das Mittel zwischen beiden Extremen hält er das Collationiren; denn da die ver- schiedenen Versionen einer IJallade nur die im Laufe der Zeit durch die Tradition entstandenen Modilica- tionen einer Urballade seien, so sei in ihnen das Material zur Herstellung der Urform gegeben und müsse durch ein verständiges Collationirungs verfahren (a judi- cious attempt of collating) gefunden werden. Abgesehen davon, dass es mindestens noch sehr zweifelhaft ist, ob alle oder die meisten Balladen von Anfang an nur in einer Form existirten, fällt es Aytoun nicht ein, dass es selbst dem etwas mehr als oberflächlichen Leser sehr daran gelegen sein kann, der Wissenschaft aber vor al- len Dingen daran gelegen sein muss^ die verschiedenen Veränderungen, selbst Verschlechterungen, welche eine Ballade im Laufe der Zeit erfahren hat, an den verschie- denen Versionen kennen zu lernen und dadurch ein Bild des Entwickelunsrsfjansfes der Dichtuno^ zu i>ewinnen, ebenso wie es z. B. für einen Architekten nicht weniger interessant als belehrend ist, an einem erst im Laufe von Jahrhunderten zur Vollendung gebrachten Gebäude, etwa dem Dome von Mailand, die verschiedenen Stilarten und Geschmacksrichtungen der einzelnen Bauperioden zu studi- ren; dass ferner die Versionen einen selbständigen AVertli haben, welchen zu bestimmen der wissenschaftlichenl^ritik vorbehalten bleiben muss; dass diese Kritik eben in jener literarhistorischen Werthbestimmung besteht, nicht aber in einer noch dazu höchst precären Herstellung einer an- geblichen Urform. Es wäre dies doch in der That nicht anders, als wollte man vorschlagen z. B. alle Gebäude im Renaissancestil niederzureissen, und das was etwa an ihnen noch gothisch ist zur Restauration schadhafter go- thischer Bauwerke zu verwenden. Denn in der That gleicht der CoUationirungsunsinn ganz und gar einem solchen Verfahren. Und wem sollte denn, abgesehen von allem Anderen, bei den ausserordentlichen Schwierigkei- ten eines solchen Unternehmens das Collationirungswerk mit Sicherheit anvertraut werden, eine Arbeit bei welcher, wie wir weiter unten sehen werden, das subjective Ge-

Die traditionellen schottischen Balladen. 15

fühl fast die alleinige Richtschnur sein kann, bei welcher Missgrifie auf Schritt und Tritt beinahe unvermeidlich sind, deren Endresultat daher in den bei weitem meisten Fällen nur eine Verfälschung sein kann? Die Wahrheit ist, dass die Wissenschaft ein derartiges Geschäft in Niemandes Hände legen kann und darf. Die Volksdichtung ist etwas historisch Geivordenes und historisch wieder ZerfaUeiies. Ihre Producte müssen in der Gestalt, wie sie noch zu finden sind, dargeboten und angenommen werden, das blosse Fragment sowohl wie das vollständig erhaltene Stück, und dem Kritiker bleibt dabei nur die mit hinrei- chenden Schwierigkeiten verbundene Aufgabe, schon früher stattgefundene Verfälschungen und Versetzungen heraus- zufinden vmd bemerkbar zu machen, besonders aber von den verschiedenen Versionen die besten und literarhistorisch wichtigsten auszuwählen und als ebenso viele Monumente des Entwickelungsganges der Dichtiuig neben einander zu stellen, das werthvolle Fragment nicht minder als das vollständige Stück. Für den blossen Kunstliebhaber, der seinen Salon schmücken will, ist freilich der Arm einer Statue nichts, ein Winkelmann aber wird den Finder eines solchen reichlich dafür belohnen.

Ein auf diese Weise hergestelltes Balladenbuch wird aber eben das von Aytoun gewtinschte Mittel zwischen den Extremen allzu grosser Dürftigkeit und allzu grosser Ausdehnung halten.

L u d w ig L e m c k e.

(Sclilnss im nächsten Hefte. )

K; Boizti

Ariost's Nachahmnno- der Alten.

Dom Schreiber dieser Zeilen kam unlänocst die Ab- liandlung „Zur Geschichte der italienischen Poesie" zur Mand, welche vor mehreren Jahren von Ranke in der Akademie der Wissenschaften zu Berlin gelesen wurde '). Nachdem der gelehrte Verfasser darin flüchtig die Quel- len berührt, aus welchen Ariost die in seinem (3rlando Furioso eingeflochtenen Fabeln schöpfte, und darauf hin- gedeutet, in welcher sinnreichen Weise der Dichter auch die Mythologie benutzte, schliesst er mit den Worten: „Zwar wollen wir nicht mit einigen italienischen Gelehr- ten den Ruggiero von dem Achill, Karl von Latinus, Rodomont von Turnus, Melissa von der Juturna her- leiten'-^); allein unmöglich ist es, in der Befreiung der Angelica von dem Meerungeheuer duich den mit Flügel- pferd und Zauberschild ausgerüsteten Helden, Perseus und Andromeda, in der Olimpia, welche Biren auf der Insel verlässt, Ariadne, in Medor den Nisus (soll wohl heissen: den Euryalus), im Orco ein furchtbares Nachbild des Polyphem, zu verkennen." Den Freunden italienischer und lateinischer Poesie dürfte wohl die nachfolgende Durchführung jener Stellen, in welchen Ariost dem Vir- gil, Ovid, Statins und Anderen nachahmte, und zwar manchmal so, dass die Nachahmung zur Uehersetzung wird, nicht unwillkommen sein.

Die zwei bereits in Bojardo's Orlando innamorato vorkommenden Brunnen (C. I. St. 78) di divcrso efetto^

') Berlin 1837. In den Abhandl. der Akad. der Wissensch.

') Ranke scheint die Meinung jener italienischen Gelehrten nicht ganz richtig aufgefasst zu haben, indem er annimmt, dass dieselben Ruggiero von Achill, Karl von Latinus u. s. f. herleiteten; während sie lediglich bemerkten, dass in einzelnen Stellungen der eine mit dem anderen eine gewisse Aehnlichkeit habe. Dass diess in Bezug auf Karl und Latinus, Melissa und Juturna, Turnus und Rodomont, auch wirklich der Fall sei, wird man im Verlauf dieses Aufsatzes sehen.

Aiiost's Nachalmiung der Alten. ]^7

wovon der eine empie il core dfamoroso disio^ der andere aber bewirkt, dass chi ne bee senza amor rimane, erinnern an Ovid's (Met. I. 468) duo tela diversorvm opcrum^ von welchen fugat hoc, facit illud mnorem.

IL

Indem Virgil (Aen. VI. 75G) von Anchiscn's Schat- ten dem Aeneas seine Nachkommenschaft im Elysium zeigen lässt, nimmt er darans Anlass seinem Gönner Augustus zu schmeichehi. Auf gleiche Art benutzt Ariost eine Begebenheit aus dem bekannten Heldenromane Giron le Courtois ') um ebenfalls der Bradamante ihre und Kuggiero's zahlreiche Nachkommenschaft vorzuftihren, und hierbei (C. III. St. 24) das Lob seiner Gönner, des Herzogs Alfons und des Cardinais Ippolit von Este zu singen.

III.

Wie Aeneas am Hofe der Dido in unriihmlichem Miissiggange seine Zeit verliert, nee proleni Ausoniam et Lavinia respicit arva (Aen. IV. v. 2-L56), so weilt Rug- giero, seiner Braut uneingedenk, am Hofe der Alcina (C. VII. St. 18); und wie dort (IV. 2G6) Mercur den

1) Dem Giron le Courtois entnahm Ariost, einzelner Stellen nicht zu gedenken, Folgendes:

1) Die ganze Geschichte der Gabrina. Im französischen Romane erzählt der fremde Ritter dem Giron von sich und der Dame , die er gebunden mit sich führt, ungefähr dasselbe was (Ar. C. 21. St. 11) Ermonidc dem Zerbino von Filandro und der abscheulichen Gabrina erzählt; nur dass die falsche Anklage, welche die Dame gegen den unbekannten Ritter vorbringt, im Furioso, von Gabrina nicht gegen Fi- landro, sondern später gegen Zerbino ins Werk gesetzt wird. Der böse Streich aber, welchen die Unholde in den darauf folgenden Kapiteln des Giron dem Brehus spielt um ihn zu verderben , wird im Furioso (C. 2. St. 70 ff.) dem Pinabello gegen die Bradamante zugedacht.

2) Die Geschichte der Lydia und ihres Undankes gegen Alcestc, welche jener der Tochter des Königs von Norhomberland und des Ritters Phebus in allen l'>inzelheiten gleicht. Endlich

3) Den Kampf der Marfisa, zuerst gegen den neuen Ritter, dann mit Guidon selvaggio (Ar. C. 19. St. 80 ff.), welchem der Kampf (Jiron's gegen die zwanzig Ritter und den Herrn vom Thurnie zum N'orbild diente.

Jaliil). f. roin. ii. cn'A. Lif. IV. 1.

2

J8 Bolza

Aeneas, rüttelt hier Melissa den Kuggiero aus seiner Be- täubung auf. Auch in Tasso's Gerusalemme liberata (C. XVI) kommt etwas Aehnliches vor, avo Ubaldo den in den Fesseln der Zauberin Armida schmachtenden Ri- naldo mahnt, zum christlichen Heere zurückzukehren. Nicht ohne Interesse dürfte die Hervorhebung des Untci'- schiedes sein, welcher die Reden der drei Boten kenn- zeichnet. "Während Virgil und sein Nachahmer, Tasso, bei den kurzen Ansprachen Mercurs und Ubaldo's, keinen Augenblick die Würde vergessen, welche ihnen eigen ist, und sich Ubaldo kaum eine leichte Ironie erlaubt; fällt Melissa, am Anfange und am Ende ihrer, acht Stanzen langen Rede, den Ruggiero mit bitterem Spotte an, und lässt sich, freilich in der Gestalt seines ehemaligen Er- ziehers, des Atlante, Ausdrücke entschlüpfen, welche zu derb, ja fast gemein genannt werden müssten, wenn sie nicht eben durch die von ihr angenommene Gestalt, und durch die Eage, welcher sie Ruggiero entreissen will, gerechtfertigt erschienen.

IV.

Wie Ranke ganz richtig bemerkt, ist die Befreiung der Angelica durch Ruggiero (C. X. St. 96 flf.) ein Eben- bild der Rettung der Andromeda durch Perseus (Met. IV. 663 ff.) ; selbst das Zauberschild Ruggiero^s hat in seiner Wirkung eine grosse Aehnlichkeit mit jenem des Perseus, dem Gorgonenhaupte. Folgende Stellen sind sogar wört- lich übersetzt:

Vidit Abautiades , nisi quod levis aura capillos Moverat, et tepido luanabant liimina fletu, Marmoreum ratus esset oims.

Creduto avria che fosse statua finta

Se non vedea la lagrima distinta

E l'aura sventolar 1 'anrate chiome.

Manibusqiie modestos Celasset vultus, si non religata fuisset.

E coperto con man s'avrebbe il volto. Se uon cran legate al duro sasso.

Aiiost's Nachahmung der Alten. 19

Auch benutzte Ariost bei der Beschreibung der Orca die zwei im Ovid vorkommenden Gleichnisse des Schiffes (Met. IV. 706) und der Schlange, welche von einem Adler überfallen wird (ib. 714).

Ecce velut navis praefixo eoncita i'ostro Sulcat aquas Sic fera.

Come sospinto suol da Borea od Ostru Venir lungo navilio a prender porto, Cosi ne viene La bestia orrenda.

Utque Jüvis praepes vacuo cum vidit in arvu Pi-aebentem Phoebo liventia terga draconem, Occupat adversum, neu saeva retorqueat ora , Squamigeris avidos figit cervicibus ungues : Sic etc.

Come d'alto venendo aquila suole Ch'errar fra l'erbe visto abbia la biscia, O che stia sopra un nudo sasso al sole Dove le spoglie d'oro abbella e liscia; Non assalir da quel lato la vuole, Onde la velenosa e soffia e striscia, Ma da tergo Tadugna e hatte i vanni Accio non se le volga e non l'azzanni:

Cosi ec.

Doch nicht damit zufrieden, fügte er dem letztange- führten klassischen Gleichnisse ein zweites in seiner leichten Manier hinzu, indem er die von Ruggiero ge- plagte Orca mit einem Hunde vergleicht, welcher von einer zudringlichen Fliege bald in die Augen, bald in die Schnauze gestochen wird.

Simil battaglia fa la mosca audace Contra il mastin nel polveroso Agosto Negli occhi il piinge e nel grifo mordace Volagli intorno e gli sta sempre accosto: E quel sonar fa spesso il dente asciutto , Ma un tratto che gli arrivi appaga il tutto.

Schliesslich muss hier des allerliebsten Bildes aus Virgil (Aen. XII. 1)1'2) Erwähnung gemacht werden, wel- ches unser Dichter auf Angelica bezieht.

20 Bol^'i

liidum sanguineo veliiti violaverit ostro

Si quis ebtir, fales ^il•go dabat oro coloros.

Forza e ch'a quel parlarc ella divegna Qual e di graim iin bianco avorio asperso.

Die Lage der auf der unbewohnten Insel verlasseneu ülimpia gleicht allerdings jener der Ariadne, doch weiter geht die Aehnlichkeit nicht; denn üvid fertigt die letztere mit dritthalb Versen ab (Met, VIII. 174), während Ariost seiner Olinipia einen bedeutenden Raum in seiner Dar- stellung gewährt, und hierzu Bruchtheile aus vier der Ovid'schen Mährchen benutzt.

1) Die ersten sechs Verse der St. 23. C. X über- setzte Ariost aus der Geschichte der Ino (Met. IV. ,525).

Imminet aequoribus scopulus; pars iiua cavatur Fluctibus et tectas defendit ab imbribus iindas ; Summa riget, frontemque in apertum porrigit aeqnor: Ocoupat hunc (vires iiisania fecerat) Ino.

Quivi sorgea nel lifo estremo un sasso , Cb'aveano l'onde col picchiar frequente Cavo c ridotto a guisa d'arcu al basso , E stava sopra 11 mar curvo e pendente: Olimpia in cima vi sali a gran passo, (Cosi la facea Tanimo possente).

2) Die Klagen Olimpia's (C. X. St. 30) sind jenen der Tochter Niso's (Met. VIII. 113) nachgeahmt.

Quo fugis, inmitis?

Nam quo deserta revertar? In patriam? superata jacet. Sed finge manere: Proditione mea clausa est mibi. Patris ad ora, Quae tibi donavi? cives ödere merentem.

Dove fuggi, crudel?

Ma presuppongo ancor ch'or ora arrivi Noechier che per pieta di qui mi porti Mi portera ferse in Gianda, s'ivi Per te si guardan le fortezze e i porti? Mi portera alla terra ove son nata, Se tu con fraude gia nie l'hai levataV

Ariost's Nachahmung der Alten. 21

3) Die falschen Liebkosungen Biren's gegen die junge Tochter Cimosco's, und die entsprechenden Betrachtungen des Dichters (C. X. St. 15) entnahm Ariost der Ge- schichte des Tereus (Met. VI. 472).

Proh superi , quautuni mortalia pectora caecae Noctis habent! Ipso sceleris molimine Tereus Creditur esse pius, laudemque a erimine sumit.

Oh soinrao Dio, come i giudicii umani Spesso oflfuscati sou da im nembo oscuro! I modi di Bireno, empii e profani, Pietosi e santi ripiitati furo.

4) Endlich sind folgende, auf das Meerungeheuer Bezug nehmende Stellen (C. XI. St. 34 und 40) aus der Fabel der Andromeda (Met. IV. 689—690, 721—722).

Insonuit, veniensque immenso bellua ponto Eminet, et latum sub pectore possidet aequor.

Gonfiansi l'onde, cd ecco il mostro appare , Che sotto il petto ha quasi ascoso il mare.

Vulnere laesa gravi modo se sublimis in auras Attollit, modo subdit aquis.

Dal dolor vinta or sopra il mar si slancia , Or dentro vi si attuffa.

Dagegen ersetzte Ariost das Ovid^sche Bild eines von den Hunden gehetzten Ebers (Met. IV. 722)

Modo more ferocis Versat apri, quem turba canum circumsona terret,

durch das eines wilden Stiers, welchem plötzlich eine Schlinge um die Hörner geworfen wird (C. XI. St. 42):

Come toro selvatico , ch'al corno Gittar si senta im improviso laccio ec.

VI.

Vergleicht man die Casa del Sonno des Ariost (C. XIV. St. {)'>) mit ignaci domus et penetralia Somni des Ovid (Met. XI. 592), so wird man angenehm von der Verschiedenheit überrascht, welche, bei Behandlung

22 Bülza

desselben Gegenstandes, zwischen beiden herrscht. Folgt auch Ariost anfangs seinem Muster, so verlässt er es doch bald, um seinen eigenen Weg, ja einen entgegen- gesetzten zu gehen. So ist z. B. b(ü Ovid keine Gestalt im Hause des Schlafes zu sehen oder zu hören; kein Wächter hütet die Schwelle, custos in limine malus ', wäh- rend bei Ariost zu beiden Seiten des Schlafes der Müssiggang und die Faulheit liegen, an der Thür die Vergessenheit den Eingang wehrt, imd vor dem Hause das Schweigen in Filzschuhen die Runde macht, und Jedem dem es begegnet, von weitem mit der Hand winkt, sich ja nicht zu nähern.

vn.

Die Verwüstung von Paris durch Rodomont (C. XVII. St. 9) bietet unserem Dichter eine willkommene Gelegen- heit, der im zweiten Buche der Aeneis (447, dann 485) vorkommenden Schilderung des Unterganges von Troja manches zu entlehnen.

Auratasque trabes , vcteriira decora alta parentum Devolvunt.

E legne e pietre vanno ad iina sorte,

Lastre e colonne e le dorate travi ,

Che furo in pregio alli lor padri e agli avi.

At domus interior gemitu miseroque tiimultn Miscetur ; i^enitusque cavae plangoribus aedes Femineis iilulant: ferit aurea sidera clamor. Tum pavidae tectis matres ingentibus errant, Amplexaeque tenent postes, atque oscula figuiit.

Suonar per gli alti e spaziosi tetti S'odono gridi e feminil lamenti. Le afflitte donne, percuotendo i petti , Corron per casa pallide e dolenti , E abbraccian gli usci e i geniali letti.

Besondere Beachtung verdient die Gestalt, einerseits des Pyrrhus (469), andrerseits des Rodomont (St. 11), mit dem prachtvollen Gleichnisse einer Schlange, welche, nach Abstreifung der alten Haut, in vollem Glänze

Ariost's Nachahmung der Alten. 23

prangt, und verjüngt und kräftiger als je, durch ihren schrecklichen Anblick alle Thiere verscheucht.

Vestibiilum ante ipsum primoque in limine Pyrrhus

Exsultat, telis et luce coruscus ahena:

Qualis ubi in lucem coluber, mala gramina pastus,

Frigida sub terra tumidum quem bruma tegebat,

Nunc positis novus exuviis, nitidusque juventa,

Lubrica convolvit sublato pectore terga

Arduus ad solem , et unguis micat ore trisulcis.

Sta SU la porta il Re d'Algier, lucente Di chiaro acciar, che'l capo gli arma e'l busto, Come uscito di tenebre serpente, Poi c'ha lasciato ogni squallor vetusto: Del nuovo scoglio altiero, e che si sente Ringiovenito e piü che mai robusto, Tre liugue vibra, ed ha ne li occlii il foco : Dovunqne passa ogni animal da loco.

Als aber Rodomont (C. 17. St. 14, dann C. 18. St. 21), von Karl und seinen Paladinen gedrängt, sich in die Seine stürzt, um sich ans andere Ufer zu retten, ist in ihm Turnus nicht zu verkennen, w^ie dieser am Ende des IX. Buches der Aeneis, ebenso sein Heil darin sucht, dass er sich in den Tiber stürzt, der ihn ans andere Ufer in Sicherheit bringt. Folgende Stellen sind fast wörtlich aus dem Virgil übersetzt:

Quo deiude fugam? quo tenditis? inquit. Quos alios muros , quse jam ultra moenia habetis? Unus homo, et vestris, o cives, undique septus Aggeribus, tantas strages impune per urbem Ediderit?

Dove fuggite, turba spaventata? Non e tra voi chi '1 danno suo contempli? Che citta, che refugio piu vi resta, Quando si perda si vilmente questa?

Dunque un uom solo, in vostra terra preso, Cinto di mura ende non puo fuggire, Si partira che non l'avrete ofleso, Quando tutti v'avr'a fatto morire ?

Turnus paulatim excederc pugna ,

Et fluvium petere nc partem qua? cingitur uu'la.

24 Bolza

Ma tutta vi)lta cul peii.sicr disiorre, Dove sia per iiscir via piu siciira. Capita al fin tlüve la Senna corre Sotto all'isola, e va fiior dv, le niura.

Ceu sPevuni tiuba leoiK'iu Quiini telis premit iufensis: at territus ille, Asper, acerba tuens, retro redit; et neque terga Ira dare aut vii*tus patitur; nee tendere contra Ille quidem, hoc cupiens, potis est per tela viros»HK'. Haud aliter etc.

Qual per le sehe nomadi o massile Cacciata va la generosa belva , Che ancor fuggendo niostra 11 cor gentile, E minacciosa e lenta si rinselva; Tal ecc.

VIII.

Dem ürco, wie er im Bojardo und Ariost (C. 17. St. 29) erscheint, diente zweifelsohne der Homerische Polyphem (Odyss. IX. 2]()) zum Vorbilde, doch nicht so, dass man den ersteren unbedingt als eine Kopie des letzteren anzusehen habe. Polyphem hat, bis auf das ein- zige Auge, eine menschliche Gestalt; er ist der Sohn des Poseidon; lebt mit den anderen Kyklopen in einer Art Gemeinschaft. Der Orco ist, obwohl mit der Sprache begabt, durch und durch ein Unthier. Die Blendung des Polyphem, eine Hauptbege1)enheit in der Homer'schen Geschichte, fällt beim Ariost weg; der Orco ist von !Natur blind. Auch die List, durch welche die Bettung herbeigeführt wird, ist bei den zwei Dichtern nicht ganz gleich. Der Ilauptunterschied zwischen den beiden Fa- beln besteht aber in den Motiven, aus welchen Odysseus und Norandin in die Höhle des Ungeheuers eindringen; und hierin ist die moderne Sage offenbar im Vortheile. Indem nämlich Odysseus lediglich aus V^^issbegierde, und die Gefahr nicht ahnend, der er sich aussetzt, hinein- geräth, geht Norandin, statt sich auf dem Schifte zu ret- ten, welches ihm die Seinigen senden, rein aus Liebe zu seiner Frau, einem beinahe sicheren gräulichen Tode entgegen.

Ariost's Nachahmung der Alten. 25

IX.

Der junge Dardinello, welcher im Kampfe die Sei- nigen ermuthigt (C. XVIII. St. 50), ist dem Virgil'schen Pallas (Aen. X. 369) nachgebUdet.

Quo fugitis , socii? per vos et fortia facta, Per ducis Evandri nomen, devictaque bella, Spemque meam, patriae quae nunc subit aeniula laiidi , Fidite ne pedibus.

Mortali urgemur ab hoste Mortales : totidem nobis animaeque manusque.

State, vi prego per mia verde etade,

In eui solete avef si larga speme.

Deh ! non vogliate andar per fil di spade.

Se Almonte merito ch' in voi si serbe , Di lui memoria , or ne vedro l'efietto ,

lo vedrö (dicea lor) se me, suo figlio, Lasciar vorrete in cosi gran periglio. -

Non han di noi piii vita grinimici ,

Pill d'un' alma non han, piü di due mani.

Hierauf tödten die beiden jungen Helden mehrere Feinde; doch dauert es nicht lange, dass dem einen Turnus, dem andern Rinald den Todesstoss gibt. Auch hier tritt die bereits angedeutete eigene Art der beiden Dichter hervor. Im Begriffe seinen Spiess gegen Pallas zu schleudern, welcher ihn mit dem seinigen früher ge- troJÖPen, aber nicht einmal verwundet hatte, ruft Turnus ihm, nach langem Zielen, im feierlichen Tone zu: Adspice nuni raage sit nostrnm penetrabile tclum.

üenau dasselbe ruft Rinald dem Dardinello zu, aber im leichten Tone, nicht ohne Lächeln:

Rise Rinaldo, e disse: lo vo' tu senta S'io so mcglio di te trovar la vena.

Den Vers Virgil's, welcher den Schrecken schildert, der die Krieger des Pallas iiberfällt, als Turnus gegen ihn vorriickt:

Frigidus Arcudibus coit in praccordia sanguis ,

["ibersctzt Ariost (C. XVIII. St. 151) sicherlich mit iliu- blick auf die Stelle (Aen. III. 29):

26 Bol/a

Mihi frigidiis hoiror Mcmbra quatit, gelidusque coit furmidine sanguis,

wie folgt:

Un timor freddo tutto '1 sangue oppresse , Che gli Africani aveano intorno al core.

Zum Schlüsse versetzte er hierher (St. 153) das schöne Gleichniss einer vom Pfluge geknickten Blume, welches Virgil auf Kuryalus bezieht (Aen. IX. 435):

Purpureus veluti quum flos succisus ai'atro Languescit rngriens; lassove papavera coUo Demisere caput, pluvia quum forte gravantur.

Come purpureo fior languendo more Che '1 vomere al passar troncato lassa, 0 come, carco dl soverchio umore, II papaver nell'orto 11 capo abbassa.

Man pflegt die schöne Episode von Cloridan und Medor (C XVIII. St. 1G5, dann C. XIX. 1—15) als eine Nachahmung jener von Euryalus und Nisus (Aen. IX. 176) zu betrachten, was auch seine Richtigkeit hat. Doch darf man nicht übersehen, dass Ariost beinahe ebenso viel als von Virgil, von Statins^) entlehnte, dessen Ge- schichte des Hopleus und Dymas (Theb. X. 348) aller- dino-s auch an Virgil erinnert, aber sowohl in der Anlage, als in den Einzelheiten auf eine gewisse Originalität An- spruch machen darf, und grosse Schönheiten enthält. Meister Lodovico nahm aus beiden das Beste, und passte es so geschickt und glücklich seinen Zwecken an, dass ich nicht anstehen würde zu behaupten, der Episode von Cloridan und Medor gebühre vor den zwei älteren Schwestern die Palme, wollte man von dem Verdienste der Originalität absehen. Es wird sich die Mühe lohnen.

') Wollte man hier von allen Stellen aus den bekanntesten Heiden- gedichten Erwähnung machen, welche mit der Episode von Cloridan und Medor eine Aehnlichkeit haben , so dürften nicht aus der Ilias der nächtliche Streifzug des Odysseus und des Diomedes , und aus der Gernsalemrae liberata jener der Clorinda und des Argante vergessen werden.

Ariost's Nachahmung der Alten. 27

etwas näher nachzusehen, wie sich die drei Erzählungen zu einander verhalten.

Hopleus vmd Dymas sind durch keine besondere Charakterisirungr von einander unterschieden:

dilecti regibus ambo , Regum ambo comites , qnorum post fiinera raoesti Vitam indignantur.

Ihre Freundschaft ist kaum durch ein care Dyma angedeutet: beiden liegt gleich am Herzen, den Leich- nam des Tydeus,

teneant quem jam fortasse volucres Thebanique canes ,

nicht auf dem Schlachtfelde unbegraben zu lassen.

Cloridan und Medor sind ebenfalls von dem frommen Wunsche getrieben, ihres Herrn und Königs, Dardinello, Leichnam ,

rimaso al piano, Per liipi e corbi, ohime! troppo degna esca,

ZU bestatten: allein jeder von ihnen hat eine bestimmte Persönlichkeit, und zwar so, dass der eine mit dem Virgil'schen Euryalus, der andere mit Nisus eine unver- kennbare Aehnlichkeit hat.

iSisus erat portae custos , acerrimus armis , Hyrtacides, comitem Aeneae quem miserat Ida Venatrix, jaculo celerem levibusque sagittis: Et juxta comes Euryalus , quo pulchrior alter Non fuit Aeneadura , Trojana neque induit arnia , Ora puer prima signans intonsa juventa.

Cloridan, cacciator tutta sua vita, Di robusta persona era cd isnella. Medoro avea la guancia colorita, E bianca e grata ne la eta novella; E fra la gente a quclla inipresa uscita Non era faccia piü gioconda e bella.

Hat also Ariost das schöne Motiv des Abenteuers von Statins entlehnt, so folgte er, was die Persönlichkeit der beiden Freunde betrifft, dem Virgil, jedoch so, dass er am Anfange d(>r Geschichte ihre Rollen wechselt. Indem nämlich Cloridan, wie gesagt, dem Nisus, und Medor dem Euryalus entspricht, gelit bei Virgil von

28 Bolza

Nisus, bei Ariost aber von Medor der Vorschlag aus, sich ins feindliche Lager zu begeben, was den zarten, beinahe inädchenhaft geschilderten Jiingling um so in- teressanter macht. Dass der blonde weiss- und roth- wangige Medor keinem Mauren ähnlich sieht, darauf ninnnt unser Dichter keine Rücksieht.

In der Thebais hat, wie die Episode eingeführt wird, das Gemetzel der Feinde bereits stattgehabt. Hopleus und Dymas befinden sich auf dem Schlachtfelde; der letztere wendet sich an die Cynthia mit der Bitte, sie möge ihnen zeigen wo der erschlagene König liegt.

Sic ait: Arcanae moderatrix Cynthia noctis, Si te tergeminis perhibent variare figuris Numen, et in silvas alio dcscendere vultu , nie comes nuper, neraorumque insignis alumnus , Ute tuus, Diana, puer (nunc respice saltem) Quaeritur. Incendit pronis dea curribus almum Sidus, et adnioto monstravit fiinera cornu: Apparent campi, Thebaeque , altusque Citheron.

Nicht so bei Virgil und Ariost. In der Aeneis be- geben sich Nisus und Euryalus zu den Ersten des Heeres, um sich die Erlaubniss zu dem gefährlichen Unternehmen auszubitten, welche ihnen mit vielen Aufmunterungs- worten und Geschenken zu Theil wird. Im Furioso bleibt dieser Zwischenfall aus; und nun geht's in beiden Ge- dichten ans Schlachten, wobei Ariost seinem Muster Schritt für Schritt folgt. Das erste Opfer ist einerseits Rhamnes

Rex idem , et regi Turno gratis^imus aiigiir, Sed non augurio potuit depellere pe.stem;

anderseits der gelehrte Alfeo

Medico e mago e pien d'astrologia: Ma poco a questa volta gli sovvenne.

Aus dem Virgirschen Serranus

illa qiii plurima nocte Luserat, insignis facie , multoque jacebat Membra deo viotus: felix si proteniis illuni Aequasset nocti ludum, in lucemque tulisset!

Ariost's Nachahmung der Alten. 29

macht Ariost

un Grecü ed un Tedosco Che de la notte avean goduto al fresco Gran parte, or con la tazza, ora eol dadu. Felici se vegghiar sapeano a desco Fin che dell' Indo il sol passasse il guado !

Der furchtsame Rhoetus

Pectore in adverso totiim cui comminus ensem Coudidit assurgenti , et multa morte recepit. Purpuream vomit ille animam, et cum sanguine niixta Vina refert moriens;

hat sein Ebenbild in dem miser Grillo.

Troncogli il capö il Saracino audace; Esce col sangue il vin per uno spillo.

Nun folgt das Gleichniss des hungrigen Löwen im gefüllten Stalle^):

Impastus ceu plena leo per ovilia turbans, Suadet enim vesana fames, mauditque, trahitque Molle pecus mutumqiie metn; fremit ore crueiito. Nee minor Eiiryali caedes.

Come impasto leone in stalla piena , Che lunga fame abbia smacrato e asciutto , Uccide, scanna, niangia , e a strazio mena L'infermo gregge in sua balia condutto. La spada di Medoro anco non ebe.

Bis hierher gehen die zwei Dichter, wie man ge- sehen hat, Hand in Hand; nun verlässt aber Ariost den Virgil um zu Statius zuriickzukehren. Euryalus und Nisus, des Würgens müde, suchen das Weite: Medor, kaum hofiend, auf dem grossen Schlachtfelde, imter den vielen Leichen die des Dardinell finden zu können, wen- det sich zur Luna mit der, der oben angeführten Stelle des Statius entnommenen Bitte, ihm zu zeigen wo der Gesuchte liegt. Auch hier kann ich nicht umhin zu

^) Bei Statius ist es ein Tiger

Caspia non aliter niagnoriim in strage juvencnm Tigris, ubi immenso rabies placata cruore, Lassavitque genas, et crasso sordida tabc» Confudit maculas, spectat stta facta, <l(>lotque 15efeeis.se famcm.

30 ß^i'-^

bemerken dass der Umstand, dass die Worte des grie- chischen Dyraas über die drei Gestalten der Göttin im Munde (Jes afrikanischen Medor seltsam klingen müssen, unseren Dichter wenig künunert.

0 Santa dea, che dagli antichi no.-;tri Debitamente sei detta triforme, Ch' in cielo, in terra, e ne l'inferno mostri L'alta bellezza tua sotto piü forme, E ne le selve dl fere e di mostri Vai cacciatrice, seguitando l'orme, Mostrami ove '1 mio re giaccia fra tanti, Che vivendo imito tuoi studii santi.

La luna, a quel pregar, la nube aperse (0 fosse caso , o pur la tanta fede) Bella come fu allor ch'ella s'offerse E nuda in braccio a Endimion si diede. Con Parigi a quel lume si scoperse L'un campo e l'altro , e '1 monte e '1 plan si vede. Si videro i due colli di lontano , Martire a destra, e Leri all'altra mano.

Auch bei Virgil fleht Nisus, als er seinen Euryalus von Feinden umringt sieht, die Luna an, doch mit an- deren Worten, und zu einem anderen Ende:

Tu, dea, tu praesens nostro succurre labon,

Astrorum decus, et nemorum Latonia custos.

Si qua tuis umquam pro me pater Hyrtacus aris

Dona tulit; si qua ipse meis venatibus auxi,

Suspendive tholo , aiit sacra ad fastigia fixi ;

Hunc sine me turbare globum, et rege tela per auras.

Was hierauf bei Ariost folgt ist theils dem einen, theils dem anderen der zwei lateinischen Dichter entnom- men. Bei allen dreien werden die Abenteurer von feind- lichen Reitern überfallen: bei Virgil und Ariost suchen sie in einem alten Walde der Verfolgung zu entgehen, was auch dem einen (Nisus und Cloridan) gelingt; doch kaum wird, bei allen drei Dichtern, der schon in Sicher- heit Befindliche gewahr , dass der Freund zurückgeblie- ben ist, so kehrt er um, und greift wie ein Verzweifelter die Feinde an, bis er der Ueberzahl erliegt. Zum Schlüsse übersetzt Ariost aus Statins das herrliche Gleichniss der in ihrer Höhle von Jägern angegriffenen Löwin, welche

Ariost s Nachahmung der Alten. 31

Ariost aber zu einer Bärin macht, während Virgil mit dem lieblichen bereits angeführten Bilde der vom Pfluge geknickten Blume schliesst.

Ut lea quam saevo foetam pressere cubili Venantes Numidae, natos erecta superstat Mente sub incerta, torvum ac miserabile frendens. lila quidem turbare globos, et frangere morsu Tela queat, sed prolis amor crudelia vincit Pectora, et a media catulos circumspicit ira.

Come orsa, che Talpestre cacciatore Ne la pietrosa tana assalito abbia, Sta sopra i figli con incerto core, E freme in suonö di pieta e di rabbia : Ira la invita e natural furore A spiegar l'ugne e a insanguinar le labbia, Amor la intenerisee, e la ritira A riguardare ai figli in mezzo all'ira.

Zuletzt will ich nicht unterlassen auf den befriedi- genden Ausgang hinzudeuten, den die Geschichte bei Ariost in Bezug auf Medor nimmt. In den beiden latei- nischen Heldengedichten finden beide Freunde den Tod : im Furioso stirbt nur der muthige aber rohe Cloridan, welcher um sich zu retten die dem Medor so theure Bürde, den Leichnam Dardinello's, abwirft, indem er bemerkt:

Che sarebbe pensier non troppo accorto Perder duo vivi per salvare uu morto;

Medoro aber,

fedele e grato Ch'in vita e in niorte ha '1 suo signore amato ,

wild nur verwundet, und findet später für seine Liebe und Treue in den Armen der schönen Angelica den ver- dienten Ivohn.

XL

Der Schrecken erregende Ruf der Zwietracht (C 27. St. 101) ist jenem der Alecto (Aen. VII. 515) nach- oeahmt :

Contreuiuit nemus, et silvae intonuere profund;ic.

Audiit et Triviae longa lacus; audiit amnis

Sulfurea Nar albus aqua, fontesque Velini ;

Kt trepidae inatres jirossere ad pectora natos.

32 Bt>lza

Tiemu Tarigi e torbidossi Sennn AU'alta voce, a quell' orribil grido; llimborabo il suon fin alla selva Ardeniia , Si clie lasriar tutte le fere il nido. Udiron FAlpi e il nionte di Gebeiina , Di Blaja e d'Arli e di Roano il lido: liodano e Sonna udi , Garonna e il Rcno; Si strinsero le madri i ligli al seiio.

XII.

Der Senapo oder Pretejanni (C. XXXIII. St. 106) ist eine Kopie des thrakisclien Königs Phineus, dessen Geschichte im Apollonius und noch ausführlicher im 4. Buche der Argonautica des Valerius Flaccus zu lesen ist. In Bezug auf die Harpyen sind noch die entspre- chenden Stellen aus Homer mid Ovid, namentlich aber jene aus Virgil (Aen. III. 215) und Dante (Inf. C. XTII) zu A^erffleichen.

xiir.

Der Schlauch, in welchem Astolf den ,,fiero Noto" längt (C. XXXVIII. 50), erinnert au jenen, welchen Aeolus dem Odysseus mit auf die Reise gibt (Odyss. IL 19), xmd die Steine, welche sich in Pferde verwandeln (ib. 33), sind eine Kopie der von Deucalion und Pyrrha geworfenen Steine, die zu Menschen werden (Met. I. 400).

Sasa (quis hoc credat, nisi sit pro teste vetustas) Ponere duritiem coepere, suumque rigoi-era, I^Iollirique mora, mollitaque ducere formam.

I sassi , fuor di natural ragione

Crescendo, si vedean venire in giuso ,

E formar ventre e ganibe e collo e niuso.

XIV.

Wie Aeneas und Latinus (Aen. Xll. St. 112), gelo- ben Kaiser Karl und Agramant (C. XXXVIII. St. 51) ihrem Streite durch einen Zweikampf ein Ende zu machen; und wie bei Virgil Juturna in der Gestalt des Camertes, bewirkt bei Ariost Melissa in der Gestalt des Eodomont, dass der Vertrag gebrochen wird, nur mit dem Unter- schiede, dass bei dem ersteren die Störung noch vor

Ariost's Nachahniinig der Alten. 33

dem Anbeginn des Kampfes stattfindet, während derselbe im Furioso bereits begonnen hat. Auch in der Geru- salemme liberata findet sich eine ähnliche Lage. Als Argant im Kampfe gegen den vom Himmel beschützten Raimund sich offenbar im NachtHeile befindet, kommt ihm die Hölle zu Hülfe, indem Oradiu von der Schein- gestalt der Clorinda irre geführt, meuchlerisch einen Pfeil gegen Kaimund schleudert, und so den Zweikampf unterbricht

XV.

Die feierliche Bestattung Brandimarte's und Orlando's Trauerrede am Sarge des Freundes (C. 43- St. ITo) sind ein Seitenstück zu der Todtenfeier des Pallas und der Trauerrede des Aeneas (Aen. XI. 36). Auch der Schmerz und das Weheklagen Evander's (ib. 147) finden ein Ent- sprechendes in dem alten Bardino.

XVI.

Ist Ariost an mehreren Stellen seines Gedichtes dem Virgil gefolgt, so nimmt er keinen Anstand, auch den Schluss desselben von ihm zu entlehnen. Die Aeneis schliesst mit dem Kampfe des bonus Aeneas (Aen. XII. 697 ff.) mit Turnus, und des letzteren Tode. Ebenso macht dem Furioso der Kampf des buon Kuggiero mit Rodomont, und dessen Tod ein Ende. Die Schlussverse Ariost's sind eine Umschreibung der von Virgil.

Ast illi solvuntur frigore raenibra , Vitaque cum gemitu fugit indignata .';ub umbras.

Alle sqnallide ripe d'AcheroiUe ,

Sciolta dal corpo piii freddo che ghiaccio,

Bestemmiando fuggi Talma sdegnosa

Che fu si altera al mondo e s\ orgogliosa.

Beachtenswerth ist auch hier der Unterschied, wel- cher sich zwischen den zwei Dichtern zeigt. Virgil bereitet von weitem den Leser auf die Katastrophe vor. Ein Spuk schüchtert, als böses Omen, den dem Tode Geweihten ein. Juturna, des Turnus Schwester und gu- ter Genius, muss ihn, dem Winke Jupiter's gehorchend,

.lalirb. f. ruiii. u. engl. \At. IV. 1 Q

;-^4 Bolza. Ariost's Nafliahmung der Altoii

verlassen. Nach Art der llomcr'sclicn Helden, fordert Aeneas mit Scheltworten den Gegner zum Kampfe heraus, worauf Turnus beinahe mit den Worten des sterbenden Patroklos antwortet. Nun folgt die, ebenfalls dem Homer entnommene Geschichte des schweren Steines; die tödt- liche Verwundung des Turnus; sein Flehen, wodurch Aeneas auf dem Punkte ist sich erweichen zu lassen; der plötzlich aufflammende Zorn des Siegers beim An- blicke des von Turnus dem Pallas geraubten Schmuckes, endlich des Turnus Tod. Hier ist Alles dem griechischen Muster nachgebildet: wie anders im Ariost! Weder dem Ruggiero, noch dem Rodomont steht irgend eine höhere Macht zur Seite. Nachdem Bradamante, Ruggiero's tapfere Frau, und die ersten unter den Paladinen sich umsonst bemüht haben, den Ruggiero dahin zu bringen, dass er einem von ihnen die Zfichtioruno; des übermii- thigen Barbars überlasse, beginnt, ohne viele Umstände, und ohne dass die Gegner auch nur ein Wort mit ein- ander wechseln, der Kampf; und nun erhält der Leser eine Beschreibung desselben, die nicht weniger als sechs- undzwanzig Stanzen einnimmt, und ein in allen Einzel- heiten vollständiges Bild der im Mittelalter üblichen Zweikämpfe gibt, welche zu Ariost's Zeit öfters in Tur- niren nachgeahmt wurden, bei denen die Gewandtheit in der Fechtkunst fast mehr als Körperkraft galt. Das Stechen, Pariren, Schlagen, Stossen, Angreifen, Aus- weichen, Ringen der beiden Gegner, und die mannich- faltigen Stellungen, in welche sie im Kampfe zu einander gerathen, sind so genau und umständlich dargestellt, dass letztere bei ritterlichen Uebungen, zur Belustigung der Zuschauer, im Scheinkampfe wirklich ausgeführt wurden.

Wien. T-w T T> D 1

Dr. J. B. Bolza.

Ferd. Wolf. Zur Geschichte des Komans im span. .Süd-Amerika. 35

Weitere Beiträge zur Geschichte des Romans

im spanischen Süd- Amerika.

Wir haben im zweiten Jahrgang dieses „Jahrbuchs" (S. 104 fF.) die Einführung des Romans in die spanisch- südamerikanische Literatur besprochen und gezeigt, dass diese Kunstofattuno: damals nur noch ihrer äusseren Form nach zur Erscheinung gekommen sei, indem die Geschichte der jüngsten Vergangenheit in all ihrer ruhelos unabge- schlossenen Beweounff und in der noch unabo-eklärten Erregung der Parteileidenschaft von einem Betlieiligten halb -memoiren- halb romanartig dargestellt wurde. Dieser mehr zufällig oder willkürlich gewählten Form fehlte es daher noch an der eigentlich künstlerischen Weihe, an der inneren Nothwendigkeit der Gestaltung, an der Be- herrschung des Stoßes, an der epischen Ruhe imd Ab- klärung, kurz an alle dem, was den Roman zum Kunst- werk, zur freien, poetischen Schöpfung, zum von jeder äusseren Tendenz unabhängigen Selbstzweck und Pro- ducte der Dichtkunst macht.

Wir haben diese Erscheinung eben als ein Spiegel- bild der damaligen politischen Zustände von Buenos- Ayres, als eine Aufwallung der noch so heftig bewegten Zeitströmung erklärt und sie hauptsächlich als cultur- historisches Moment gewürdigt. Zugleich sprachen wir die Hoffnung- aus, dass mit dem Eintritt einer ruhigeren Entwickeluug der dortigen politischen und geselligen Zustände auch eine objective künstlerischere Gestaltung dieser Diclitgattung stattfinden dürfte, für die durch jenen

ersten Versuch weniffstens Bahn gebrochen und das In- es o

teresse erregt worden war.

Diese Hoffnung ist seitdem zum Theile realisirt wor- den und zwar von einem Gliede derselben Familie, welche in MärmoFs ,,Ainalia" die Hauptrolle spielt, nämlich von der Schwestcrtochter des berüchtigten Dictators Juan Manoel de Rosas, der Frau Eduarda Gcaxia., geborcMieu Mancilla^ die unter dem Namen Daniel die beiden nach-

3*

36 Feld. Wolf

stehenden Romane zu Buenos-Ayres im Jahre IBGO heraus- o-eo-eben hat: Lucia. Novela sacada de la historia ur- gentina. Imprenta de la Tribuna, 4". 100 S. zweispaltig gedruckt; und: El Medico de San Luis. Novela original. Imprenta de la Paz. 8^. 307 S.')-

Den ersteren bezeichnet schon der Titel als einen vaterländisch -historischen Koman. Er besteht aus einer kurzen Einleitung (Esposicion) und zwei Abtheilungen (Partes).

Die Einleitung führt die Hauptpersonen vor: D. Nuno de Lara, dessen Ziehtochter Lucia, ihren Gatten D. Se- bastian de Hurtado und Marangore, den Kaziken des Indianerstammes der Timbües, wie sie sich von Sebastian Gaboto, dem Entdecker von Paraguay, beurlauben, als er im J. IfjoO nach Europa zurückkehrte, um Ver- stärkungen zu holen, während er einen kleinen Trupp Spanier unter der Anführung der beiden Erstgenannten zurückliess, um das von ihm erbaute Fort ,,del Espiritu Santo" zu behaupten, nachdem Marangore feierlich an- gelobt hatte, mit den Spaniern Freundschaft zu halten und sie gegen andere Indianerstämme zu schützen.

Aber auch die ganze erste, und zwar die grössere der beiden Abtheilungen enthält nur Vorgeschichte, die, in so weit sie auf die eigentliche Handlung sich bezieht, in einem kurzen Capitel abgethan werden konnte. Hin- gegen werden mit ermüdender Breite die Kriegs- und Liebesabenteuer des D. ISuno de Lara in Italien erzählt, wovon es in Bezug auf die Haupthandlung genügt hätte, zu erwähnen, dass er in Folge des Versprechens, das er seinem sterbenden Freunde und Waffengefährten D. Al- fonso de Miranda gethan, bei seiner Rückkehr nach Spanien dessen natürliche Tochter Lucia aufgesucht und bei dem nun gänzlich verwaisten Kinde Vaterstelle ver- treten habe. Nicht minder breit und mit noch grösserem

1) Wir verdanken der Güte des Herrn vun Gülicli, k. preuss. Ge- schäftsträgers für die Plata-Staaten, und der k. Bibliothek von Berlin die Benutzung der in Europa wohl einzigen Exemplare davon, die er- sterer von der Verfasserin zum Geschenk erhalten und der k. Biblio- thek mit der Bitte eingesandt hatte, sie uns niitzutheilen.

Zur Geschichte des Romans iin span. Süd-Amerika. 37

Aufwände von Sentimentalität werden die Kinder- und Mädchenjahre Lucia's, von der Cartilla an bis zu ihrer, nach vielen unnöthigen Abenteuern endlich erfolgten Verlobung mit D. Sebastian de Hurtado erzählt.

Erst in der zweiten Abtheilung (von p. G9 an) ge- langen wir endlich zu dem eigentlichen Anfange des Ro- mans, zu der Einschiflung D. Nuno's, D. Sebastian's und Lucia's nach Süd-Amerika; denn der abenteuersüchtige Sebastian hatte sich von seinem Freunde, dem bekannten venetianischen Seefahrer Gaboto anwerben lassen, ihn auf seinen, im Interesse der spanischen Regierung zu untei'nehmenden Entdeckungsreisen zu begleiten; Lucia aber und ihr Ziehvater wollten sich nicht von ihm trennen. Diese Expedition und, anknüpfend an die Exposition, die Schicksale der von Gaboto an den Ufern von La Plata unter den Befehlen Nuno's und Sebastian's zurückgelas- senen Mannschaft bilden den historischen Hintergrund des Romans; die künstlerische Ver- und Entwickelung aber die Liebe des Kaziken Marangore zu Lucia, der in Leidenschaft für sie entbrannt und von seinem, ebenfalls nach ihrem Besitze strebenden Bruder Siripo , dem bösen Princii^e des Romans, angetrieben, nach langen Kämpfen mit seiner edleren Natur den Spaniern die angelobte Treue bricht und das Fort überfällt, um die Geliebte zu rauben. In diesem Kampfe fallen aber nicht nur sämmt- liche Spanier, sondern auch Marangore wird von seinem Bruder erschlagen, der, nachdem die Heldin all seinen Schmeicheleien und Anerbietungen widerstanden, sie zwingt, dem Tode ihres gefangenen Gemahls zuzusehen und sie selbst endlich den Flammen übergibt.

Diese letztere Partie ist nicht ohne künstlerisches Interesse und rechtfertigt durch die Charakter- und Sit- tenschilderungen der Indianer, denen Guevara's bekanntes Werk^) grossentheils zu Grunde liegt, in der That den Anspruch auf ein historisch-vatei^ländisches Gemälde. Zu-

>) Giiemra, Historia del Paraguay, Rio de la Plata y Tucumaii. Buenos-Avres, 1836. fol. (Tome II de la Coleccion do dooumonost rel. 8 la hist. do las provincia.') del Rio de la Plata").

38 I"'«rd. Wulf

gleich ersieht man aber schon aus der vorstehenden Skizze, dass die Verfasserin noch keine grosse Meisterschaft in der künstlerischen Composition und Oekononiie erlangt, und durch unnöthiges Beiwerk , lange Einleitungen, breite und oft sehr sentimental gehaltene Dialoge, u. s. w. das Interesse von vorn herein abgeschwächt und die Geduld des Lesers oft auf eine zu harte Probe gesetzt hat.

Mit mehr Geschick gemacht, weil auch dem Ge- schlechte des Autors angemessener, ist der andere Roman, das Tagebuch eines Arztes von San Luis, worin das Fa- milienleben der Geixenwart in einer kleinen argentinischen Landstadt in seinen eigenthümlichen Zügen geschildert wird.

Die Verf., die schon in ihrem historischen Romane wohl englischen Mustern gefolgt ist, hat in diesem un- verkennbar den „Vicar of Wakefield" sich zum Vorbild genommen. Sie lässt den Helden luid angeblichen Au- tobiographen selbst einen Schotten, Namens James Wilson, sein, der mit seiner Schwester Jane nach Siid-Amerika ausgewandert ist, sich in San Luis mit einer Eingebornen vermählt und dort niedergelassen hat.

Die Fabel des Romans ist nicht sehr verwickelt, aber fesselnd und von steigendem Interesse, besonders durch die treffliche Schilderung und Entwicklung der Charak- tere, worunter mehrere acht indigene und gewiss nach der Natur gezeichnete. Ein solcher ist z. B. der blinde Ziegenhirte und Volkssänger No (für Senor) Miguel, zu« gleich der Musiklehrer der beiden sehr anmuthig geschil- derten Töchter des Arztes; ferner der Sergeant Pascual Benitez, jener wilde Sohn der Pampas (gaucho), der, ein dreifacher Mörder, doch nur durch den edlen Kern seiner rauhen Natur dazu hingerissen ward; nicht minder der von ihm ermordete Stadtrichter (juez de primera in- stancia) Robledo, alias el Tuerto, der Einäugige, weil einst ein politischer Gegner bei einer lebhaften parla- mentarischen Discussion ihm seine Argumente augenfällig machte, dessen Willkürherrschaft ein schlagendes Beispiel ist, dass, wo der republikanische Geist fehlt, man durch die Form gegen den grellsten Despotismus ebenso wenig

Zur Gescliielite des Romans im span. Süd-Amerika. 39

geschützt wird, wie unter dem schrankenlosesten Absolu- tismus^); denn wie ein ächter tiirkischer Kadi lässt die- ser freistaatliche Magistrat seinen Secretär in den Kerker werfen, weil derselbe, von seinen Schlechtigkeiten em- pört, ihm den Dienst gekündet, der Richter aber ihn weder entlassen will, noch entbehren kann, da er eben sein gesetzwidriges willkürliches Gebahren nur zu genau kennen gelernt hat und im eigentlichen Sinne die rechte Hand des Einäugigen ist, dessen Ignoranz so weit geht, dass er kaum seinen Namen unterschreiben kann. Ja die rohe Gewaltthätigkeit dieses Mannes kann sich erfrechen, selbst den Arzt, der dem Secretär ein väterlicher Freund geworden ist, ebenfalls mit gemeinen Verbrechern zusam- men einzusj)erren , bloss weil er sich erlaubt hatte, für die Freilassung seines jungen Freundes sich zu verwenden, und, als der Richter seinen Vorstellungen nur Hohn entgegen- setzte, sich nicht enthalten konnte, seiner Entrüstung über ein so schamloses Benehmen Worte zu geben. All dies war freilich nur dadurch möglich, dass der Richter an dem Gouverneur (Gobernador) eine Stütze hatte, der aus Unwissenheit, Feigheit und Schwäche seine Unter- beamten völlig nach ihrem Belieben schalten und walten Hess. Auch diese Figur ist sehr ergötzlich und gewiss nach der Natur gezeichnet.

Dass die weiblichen Charaktere nicht minder gelungen sind, lässt sich schon von dem Geschlechte des Autors erwarten; so die Frau des Arztes, eine naiv -kindliche Natur, dabei eine fromm-gläubige Katholikin und grosse Verehrerin der Mutter Gottes, von der sie eine beson- ders hochgehaltene Abbildung besitzt, aber leider nur Ein Exemplar, und daher untröstlich ist, dass sie nur Eine ihrer Töchter damit ausstatten kann, bis es denn ihrem Manne gelingt, auch für die andere Tochter ein Excujplar davon aufztilinden ; daneben die Schwester des Arztes, eine schottische, streng bibelgläubige Puritanerin,

1) So sagt die Verfasserin in einer Apostrophe an die jugendliclieii Volksbeglücicer (p. 263) von dieser Justiz: „porque para un gatieiio la jvsticia es el alcalde, el Juez de paz, on una palabra, lioiubns i|iie representan la violacion <le esa misnia justicia".

40 Ferd. Wolf

deren angeborene Herbe noch dadurch gesteigert vvird. dass ihr Erimtigam und Landsmann Mr. Gifford, ein Jugendfreund ihres I)ruders, sie verlassen hat, um eine vortheilhaftere Verbindung im Vaterlande einzugehen; die aber auch praktisches Christenthnui und Hochherzigkeit in reichem Masse besitzt, denn nicht nur nimmt sie Gifford's Sohn v/ohlwollend auf und lässt ihm die Treu- losigkeit seines Vaters nicht entgelten, als er nacli des- sen Verarmung von ihm nach Amerika gesandt wurde, einige Trümmer seines Vermögens mit Hülfe des Arztes zu retten, worauf Gifford bei der ihm wohlbekannten Grossmuth seines Jugendfreundes rechnen konnte, son- dern sie hat auch eine nngeheuchelte Frevide darüber, dass durch die Vermählung des jungen Mannes mit einer ihrer Nichten des Vaters Verrath an ihr gesühnt wurde. Besonders anmuthig sind die Zwillingsschwestern Sara und Lia , die Töchter des Arztes, und die Wirkungen der Liebe auf diese reinen Kinder der Natur mit acht weiblicher Zartheit geschildert; der Roman schliesst näm- lich mit dem Verraählungsfeste Sara's und des jungen Gifford und der in nahe Aussicht gestellten Wiederho- lung dieser Feier durch das andere Paar, Lia und Amancio, den erwähnten Secretär des Richters, der nach des letz- teren Ermordung nicht nur frei, sondern auch zu dessen Nachfolger im Amte ernannt wird.

Der Arzt hatte es sich aber auch zum Grundsatz gemacht, seine Töchter möglichst einfach und naturgemäss zu erziehen und sie vor allem zu tüchtigen Hausfrauen nach der Mutter Muster zu bilden. Bei dieser Gelegen- heit lässt die Verf. ihn seine, oder vielmehr ihre An- sichten von dem Charakter der Erziehung und der ge- sellschaftlichen Stellung des Weibes in diesem Theile von Amerika aussprechen, und da dies aus solchem Munde doppelt interessant ist, so wollen wir diese Stelle (p. 43 49) (ranz hierhersetzen :

,,In der argentinischen Republik ist das Weib im allge- meinen dem Manne weit überlegen; mit Ausnahme einer oder zweier Provinzen besitzen die Frauen eine bemerkenswerth schnelle Auffassungsgabe und vor Allen eine ausserordentlich«?

Zur Geschichte des Romans im span. Süd-Amerika. 41

Leichtigkeit, sich, so zu sagen, alles Gute, alles Neue anzueignen (asimilarse) , das sie sehen oder hören. Daher rührt der eigenthümliche (singular) Einfluss des Weibes bei allen Gelegenheiten und Veranlassungen. Demungeachtet muss man bemerken, dass das Weib, das als Gattin, Geliebte und Tochter eine unumschränkte Herrscherin (soberana y dueiia absoluta) ist, als Mutter din-ch eine unbegreifliche Verirrung seine Macht und seinen Einfluss verliert. Die europäische Mutter ist die Stütze, die Triebfeder, die Achse, worauf die Familie, die Gesellschaft beruht. Bei uns stellt im Gegen- theile die Mutter das Zurückgebliebene, Stillstehende, Ver- altete dar, wovor die Amerikanerinnen den meisten Abscheu haben; und je mehr die Söhne auf Bildung Anspruch machen, an die doch auch die Reihe kommen wird, von ihren Wei- bern und Töchtern despotisirt zu werden, um desto weniger halten sie auf die alte Mutter, die ihnen nur von anderen Zeiten, anderen Sitten spricht. Oftmals hat es mir Schmerz gemacht, eine so intelligente, kräftige Race eine falsche Fährte einschlagen zu sehen, die sie zur völligsten socialen Anarchie führen muss; und indem ich über ein Uebel ernsthaft nach- dachte, das mit jedem Tage wächst, lernte ich einsehen, dass das einzige Mittel dem abzuhelfen wäre, die mütterliche Au- torität als Ausgangspunkt zu stärken, indem man den Kindern Achtung vor der Vergangenheit einflösst und dahin wirkt, dass die Eltern nicht, einer thörichten Eitelkeitsregung folgend, ihre theuersten Prärogativen aufopfern."

,, Der Geist der Unabhängigkeit, welcher diese Völker auf- regte und ihnen die Idee eingab, sich von Spanien zu eman- cipiren , gährt noch fort und ist ihr grösstes Uebel. Der Hass gegen die Autorität einer veralteten und unvernünftigen Herrschaft, durch «die Alten des Landes (viejos de la tierra)» repräsentirt, denn im J. 1810 konnte man fast ohne Ausnahme die Patrioten an der Fa^be ihrer Haare erkennen hat gemacht, dass sie sich einem völlig entgegengesetzten Extreme hingaben. Krieg gegen Spanien, Krieg gegen diese Autorität und gegen jede Autorität I So hat die Logik ihrer Ansprüche diese Völker dahin gebracht, alles Alte, alles Ver- gangene zu hassen, indem sie diesem Hasse selbst ihre eigenen Vorfahren, ja ihre Eltern sus majores, ä sus padres), kurz alles was nicht jung und neu war, zum Opfer brachten. Sie wandten ihre Blicko nach Frankreich; die Revolution mit

42 Fertl. Wolf

ihrem lorbeergekrönten Haupte, ihren eisernen Füssen und ihrer bluttriefenden Armee schien ihnen das Höchste der Vollkommenheit; und jenen erhabenen Wahnsinnigen nachstre- bend suchten sie das neue sociale Gebäude auf den Trümmern der alten Colonie aufzubauen. Ein erhabener Irrthum der Naivetät und des Vertrauens (Error sublime de candor y buena fe)!"

„Das hiess den Glauben durch den Zweifel lehren, das Ende ohne den Anfang. Die Söhne Terachteten, was die Vä- ter gelernt hatten, und wurden, als an sie die Reihe kam, ebenfalls verachtet, und so pflanzt sich von Generation zu Generation ein Uebel fort, das mit jedem Tage drückender wird. Die Erziehung, die man hier den Kindern gibt, und wenn ich sage hier, so meine ich die ganze Republik, gleicht dem Aufputze der Bewohner der Pampas von Paraguay (al atavio del guazo paraguayo) : er hat einen Hut, um zu grüssen, aber kein Hemde, um seine Nacktheit zu bedecken. Die Bürschchen (los muchachos) füllen sich die Köpfe mit Theorien an, die auf das Land in welchem sie leben, unan- wendbar sind, und bilden sich ein, dass, wie sie aus dem Collegium treten, sie in London oder Paris sich befinden, und dass die Maschine des socialen Gebäudes nur auf den Fuss- tritt wartet, den sie ihr geben werden, um in Thätigkeit zu kommen; und der Irrthum ist um so grösser, als das was für den Europäer hindernd, hier erleichternd ist, und umge- kehrt; so entsteht nur Verwirrung aus der Sucht, ein Mittel anzuwenden, das das Uebel, woran sie leiden, nur vermehrt."

,,Die Mädchen, ihrerseits zu ZierpupjDen (munecas) erzogen, kommen bald dahinter, dass Mama und Papa weder französisch sprechen können noch verstehen; aber es gelingt ihnen nicht zu entdecken, dass ihre arme Mutter doch vielleicht eine ehren- werthe Frau ist, die sich für sie, für ihr Piano und für ihr Englisch und Französisch aufopfert, so zwar, dass sie sich selbst ihre Strümpfe flickt, um in aller Früh auf den Markt zu gehen und das für das Mittagsmahl Nöthige einzukaufen, während die Mädchen ruhig und sorglos die Stunden ihrer Jugend vei'schlafen. Was den Vater anbelangt, so darf er von Glück sagen, wenn er eine tüchtige Frau bekommen hat, die ihm das Vergnügen mit Geduld ertragen hilft, Tag und Nacht, unausgesetzt arbeitend, in einem Kaufladen oder hinter Waarenkisten zuzubringen, um seine geliebten Töchter, die so

Zur Geschichte des Romans im span. Süd-Amerika. 43

frisch und üppig wie weisser Kohl (repollos) am Fenster sitzen, sprechen zu hören: «Der jetzt vorübergeht, ist ein Dummkopf, ein Krämer!» als wenn sie sagen wollten, ein unreines Thier, das nicht beanspruchen darf, angesehen zu werden; und der arme Vater schämt sich seiner Profession, durch die er auf eine ehrenhafte Weise sein kleines Vermögen erworben hat, und es dünkt ihn seltsame Erscheinung I dass seine Töchter Recht haben. Und wie sollten sie es nicht? Haben sie etwa nicht mehr gelernt als er? Hat er etwa sein Geld deshalb auf sie verwendet, damit sie so seien , wie er war? Nein, sie haben Recht, und ach! wie schön, wie lebens- friech sie sind! Da muss man in der That das Geschäft ab- schliessen und den Laden verkaufen! Nicht doch! welch ein Einfall! Sein ältester Sohn könnte doch . . . Warum nicht gar; er ist ja so unterrichtet, im Begriff Doctor zu werden, man könnte sagen ein Gelehrter; wer wird ihn da erniedrigen wollen; man kann ja nicht wissen, mit der Zeit schreibt er gar noch ein Journal, wird Mitglied des Convents (convencio- nal), und dann Minister. Oh! das ist ja eine ausgemachte Sache! Und der arme Alte calculirt und berechnet und zum erstenmal in seinem Leben hat er eine falsche Bilanz gezogen; denn die Mädchen werden mit jedem Tage anspruchs- voller, und freuen sich, dass der Papa nicht mehr hinter dem Ladentische steht, sondern immer bereit ist, sie hierhin und dorthin zu führen, während die Mama das Haus besorgt, scheuert, näht und meist selbst das Essen bereitet . . . und das alles , damit sie glücklich seien , Aufsehen machten und Liebhaber fänden. Wie miserabel sind doch die Menschen ! ihre Töchter beachten das alles nicht einmal, sie halten es für Schuldigkeit, für ganz naturgemäss, Der Jugend gehört ja das Glück. Wird ihnen etwa Jemand das Recht absprechen, glücklich zu sein, da sie doch jung und hübsch sind? AVas liegt daran, wenn die Mutter aus Erschöpfung stirbt, und der Vater, weil er sich in seiner Rechnung geirrt hat? Sie ver- heiratlien sich, und dann geht alles nach Wunsch , oder wenn sie sich nicht verheirathen, nun dann kommt die Enttäuschung früher oder später, und in ihrerBegleitung Elend und Jammer!" ')

') Bekanntlich findet man ganz ähnliche Zustände auch in Nord- Amerika; und wenn man heachtet, dass es auch in Europa gerade da an derartigen Beispielen nicht fehlt, wo die Iridvstrielle)i »ind Commerz

44 Ferd. Wolf "^

Diese Stelle mag zugleich als Probe des Stils dienen, der im Ganzen einfach und im schlichten Erzählungston, sich oft zu dramatischer Lebendigkeit oder energischer Beredtsamkeit erhebt, besonders wenn die Indignation über die faulen Zustände und sittlichen Gebrechen der Gesellschaft die Verf. zur bitteren Ironie oder zur ein- schneidenden Satire hinreisst; in den Dialogen ist er im- mer den Charakteren der Sprechenden gemäss gehalten, bis zur localen Färbung.

Noch besonders müssen wir hervorheben, dass jene sich breit machende Sentimentalität, die wir an dem hi- storischen Romane der Verf. rügten, in diesem nur sehr selten belästiget ; auch der Predigerton wird nur sehr selten angeschlagen, trotzdem dass dieser Roman die ausgesprochene Tendenz hat, die Sitten zu verbessern, aber nicht bloss durch pathetische Ermahnungen, son- dern hauptsächlich durch das viel drastischere Mittel, ein treues Spiegelbild der Gesellschaft vorzuhalten').

ciellen die vorherrschenden Classen sind, dass auch hier die Empor- kömmlinge dieser Kreise oft die Bildung die ihnen fehlt, weil sie keine Zeit hatten sie zu erwerben, durch eine sogenannte glänzende Er- ziehung ihrer Kinder zu ersetzen und sich selbst dadurch zu heben suchen, während in der That das oft auch hier nur dazu führt, dass die Kinder auf ihre Eltern und Wohlthäter mitleidig oder gar verächt- lich herabsehen, wenn man bedenkt, dass in den nord- und südameri- kanischen Republiken eben dieselben Classen die bei weitem vorherr- schenden sind, dass dieselben Verhältnisse hier noch bei weitem häufiger eintreten, wo für die Meisten Geld erwerben und Aufwand machen die höchsten Lebensziele und Genüsse sind, so wird man jene Erscheinung eben nicht unerklärlich finden.

1) Die Treue und Wahrheit der Sitten- und Naturschilderungen der Verf. wird auch von ihrem Landsmanne-, unserm geehrten Mitar- beiter, Herrn Juan Maria Gutierrez in einer Beurtheilung dieses Ro- mans, welche in Form eines Schreibens an die Verf. selbst in der Tribuna von Buenos-Ayres v. 23 24 April 1860 erschien, ganz be- sonders gerühmt. Der Verf. sagt da u. A.: ,,Sobre todo me llama la atencion la verdad con que ha descrito la provincia en que pasa la escena, y la originalidad y exactitnd de algunos de los tipos de su no- vela" etc. Und an einer andern Stelle: „La novela de vd. es conso- ladora en su conjunto, muy triste en algunos de sus pormenores. ; Que ausencia del sentimiento de lo justo, cuanto acto bärbaro cometido por ignorancia ! cuanto crimen sangriento nos hace vd. presenciav '■» «jue//'/'

Zur Gescliichte des Romans im span. Süd-Amerika. 45

Wir glauben überhaupt, dass die Verf. in diesem der Gattung des realistischen Sitten- Romans angehörigen Werke, nicht nur für ihr Geschlecht und ihre Individua- lität den besten, sondern auch für die Zustände ihres Landes und den Bildungsgrad seiner Bewohner passend- sten Weg eingeschlagen hat; denn für ein Volk, das, wie sie selbst sagt, mit der Vergangenheit völlig gebrochen hat, ja sie verachtet, das daher weder historischen Sinn, noch ein eigentlich historisches Selbstbewusstsein hat, wird der historische Roman noch eine verfrühte Erscheinung, eine exoterische Curiosität sein.

Wir können nur wünschen, dass die begabte Verl. auf diesem Wege fortschreite, dass sie ihrer berühmten Geistesverwandtin in Spanien nachstrebe, damit wie dieses seinen „Fernan Caballero", die argentinische Republik einst ihren „Daniel" von der ganzen gebildeten Welt gefeiert sehe.

Uebrigens verdient schon dieser Roman durch üeber- setzung unter uns bekannter zu werden ebenso gut, wie Dutzende von französischen und englischen Producten, denen diese Ehre (?) mehrfach zu theil geworden ist und die nicht einmal dessen Reiz haben, in eine neue Welt uns einzuführen.

copias del natural que hace vd. del juez de San Luis, del gobernador, del carcelero y del indomable sarjento ! ys?n embargo esa es la verdad; ese es el estado de la sociedad en la mayoria de la Repüblica, y asi continuarä siendolo mientras que las escuelas y los templos, la cultura ä la razon y los sentimientos, no se estienda per las campaflas y las aldeas.-' Aian. des Herausg.

Ferdinand Wolf.

4(') Kbert

Die Handschriften der Escorial-Bibliothek

aus dem Gebiete der romanisclien Literaturen, sowie

der englischen.

Zu den neusten Erwerbungen der Ilof- und Staatsbiblio- tbek in München gehört der Codex hispanicus 7G. in kl. fol., der auf dem Rücken den Titel führt: Indice (alfabetico) de los manuscritos castelJanos (y latinos) de la real biblioteea de San Lorenzo (Escorial).

Dieser Cod. zählt 320 numerirte Blätter, welche alle, die Seiten zu 34 Zeilen, liniirt sind. Die Handschrift zerfällt in 2 Abtheilungen; der Titel der ersten, auf fol. 1 r°, lautet: Indice de los Manuscritos Castellanos, por Materias, de la R^ Biblioteea de S" Lorenzo. Diese Abtheilung umfasst 140 BU. Der letzte Manuscripttitel, den sie aufführt, ist (fol. 140 v"): Zarzaparilla, memoria de [1 como debe tomarse u. s. w. , die einzige Handschrift, nebenher gesagt, welche unter Z ange- zeigt wird. (Der erste dagegen ist [fol. 2 r°]: Abecedario virtuoso dirigido al Principe D. Carlos hijo de Felipe IP por Alonso de Sta Cruz cosmografo mayor de S. M. u. s. w.)

Die zweite Abtheilung beginnt auf fol. 141 und ist betitelt (ebendas.): Indice de los Manuscritos Latinos, por Ma- terias, de esta R^ Biblioteea de S. Lorenzo. Der erste auf- geführte Manuscripttitel ist: Abdicatione hereticorum et usibus eorum, liber nonus de || continet titulos novem u. s. w. Der letzte (fol. 320 v°): Uxore non ducenda liber de || Va- lerii Epi ad Rufinum u. s. w.

Dieser Catalog, im J. 1858 durch den berühmten Orien- talisten M. J. Müller in Spanien gekauft, rührt von einem Beamten der Bibliothek selbst her, und ist, wie sich schon hiernach erwarten lässt, wovon sich aber Herr Prof. Müller durch eine Vergleichung mit dem Originale auch selbst über- zeugte, eine getreue Kopie des auf der Bibliothek gegenwärtig gebrauchten. (Uebrigens stimmen die Signaturen mit den von Bayer in seiner Ausgabe des Nie. Antonio angegebenen voll- kommen überein.)

Die erste Abtheilung des Catalogs, die ich zum Ge- genstand eines sehr eingehenden Studiums gemacht habe, um-

Die Handschriften der Bibliothek des Escorial. 47

fasst nun nicht bloss, wie der Titel besagt, die in castilischer Sprache geschriebenen Manuscripte, sondern auch alle in den anderen romanischen, sowie die in den germanischen Sprachen verfassten, welche die Bibliothek des Escorial besitzt. Der Inhalt der Manuscripte ist der mannichfachste. Die grösste Zahl gehört ohne Zweifel dem Gebiet der Geschichtswissen- schaft an, theils als Bearbeitungen, theils als Quellen. Poesie und Beredtsamkeit nehmen darnach einen hervorragenden Platz' ein. Geographie, Statistik, Astronomie, Medicin, Bibliogra- phie ^) u. s. w. sind auch mehr oder weniger vertreten. Die Handschriften sind nach dem Hauptwort des Titels alphabe- tisch geordnet^ keineswegs aber nach den Materien geschie- den — wie man leicht nach der unvollständigen Ueberschrift dieser Abtheilung des Catalogs denken könnte. Vielmehr sind alle Manuscripte der Abtheilung ohne Rücksicht auf Inhalt oder Sprache bloss nach jenem eii?en Princip geordnet. Ist das Schlagwort bei mehreren dasselbe, so findet innerhalb einer solchen ganzen Kategorie gar keine weitere Anordnung statt. So sind z. B. die vielen Handschriften, die unter dem Haupt- worte Carta oder dem Historia aufgeführt sind, unter sich weiter gar nicht geordnet. Diese so unvollkommene Einrich- tung des Catalogs ist bei seiner Benutzung begreiflicher Weise sehr hinderlich. Wer die Manuscripte einer gewissen wissen- schaftlichen Kategorie kennen lernen will, muss den ganzen Catalog durchgehen, und zwar mit Sorgfalt, da die Haupt- wörter allein oft keine genügende Auskunft geben. Nicht selten sind bei den einzelnen Buchstaben Nachträge, „Apendices", gegeben, in welchen indessen wohl kaum neu erworbene Manu- scripte verzeichnet worden sind, vielmehr allem Anscheine nach bloss theils solche, die man aus den dem Catalog zu Grunde liegenden Verzeichnissen aufzuführen vergessen, theils in Col- lectivcodices übersehene Manuscripte. Den einzelnen Buch- staben folgen auch stets ein oder mehrere weisse Blätter. Für eine Abschätzung der Zahl der Handschriften ist dies nament- lich beachtenswerth. Die Art der Catalogisirung der einzel- nen Manuscripte geht aus den folgenden Mittheilungen zur Ge-

') U. a. findet sich ein Catalog deutscher Bücher v. J. 1580 (Cat. 31 v"), und eine „Noticia de la libreria de Cujacio" (Cat. 94 r"). Der auf die Gründung und Erweiterung der Escorial - Bibliothek selbst sich beziehenden Handschriften sind nicht weniffo.

48 ' K^^''"'

nüge hervor, denn ich gebe die Titel, wo ich sie voll- ständig niittheile, buchstäblich genau wieder i); rücksichtlich der Signaturen sei bemerkt, dass der lateinische Buchstab sowie das Zeichen & (nicht der griechische Buchstab a, den fälschlich Hänel an der Stelle des Zeichens, der Abkür- zung von et, stets gegeben hat) den Schrank, die römische Zahl das Gefach, die arabische die Nummer des Codex be- zeichnet; ist überdeni fol. mit einer folgenden Ziffer ange- führt, so weist dies auf das Blatt des Codex hin, da in ein- em solchen Falle das Manuscript in einem Collectivcodex sich findet. In sehr vielen Fällen habe ich neben der Signatur mit: Cai. . . . auf die Münchener Abschrift hingewiesen'^).

In der folgenden Arbeit habe ich mich, wie schon der Titel besagt, auf die in den romanischen und der englischen Sprache verfassten Manuscripte, und zwar im Allgemeinen nur auf solche die dem Gebiete der Nationalliteratur angehören, oder doch dasselbe be-treffen und zu letzteren sind für jene Zeiten die Uebersetzungen zu rechnen beschrankt. Von den germanischen Sprachen ist ausser der englischen nur noch die deutsche im Cataloge vertreten; das einzige Werk in letzterer aber, das der Nationalliteratur angehörte, der Teuerdank ist, nach Knust's Behauptung, keine Handschrift, sondern ein alter Druck. Die Arbeiten von Plüer'^), HäneF), Knust '*), Hoffmann^) und Valentinelli ^) , sowie namentlich die Anmerkungen Bayer's zu seiner Ausgabe des Nicol. Antonio ') habe ich vornehmlich studirt, und berücksichtigt soweit sie das von mir in Betracht gezogene Gebiet berührten. Aber von Bayer abgesehen, der indessen selbstverständlich nur die ca- stilische und catalanische Literatur ins Auge fasst, waren die anderen für mein Feld von sehr geringem Belang. Hoifmann's

') Nur die in Cursiv den Titeln vorausgesetzten Namen der Auto- ren sind selbstverständlich von mir hinzugefügt, um spätere Nach- suchungen zu erleichtern. ^^) Nur habe ich besonders angezeigt, die Ziffer allein vi^eist stets auf fol. r" des Cat.

2) Catalogus Mss. Bibliothecae Seoraliensis. In Büschiiufa Maga- zin T. V. (Hamb. 1771) p. 107 ff.

*) Catalogi libror. Mss. qui in bibliothecis Galliae etc. etc. asser- vantur. ■*) In Pertz, Archiv VIII, p. 809 ff.

*) In: Serapeum 1854, p. 296 ff.

«) Delle biblioteche della Spagna in Sitzungsber. der philos.-hist. Classe der (Wiener) Akad. der Wissensch. T. XXXIII, p. Q>Q ff. (1860).

^ Madrid 1787.

Die Handschriften der Bibliothek des Eseoinal. 41)

Arbeit ist sehr gründlich, kam aber materiell nicht in Be- tracht, die anderen ausser Plüer auch nur wenig. Bei Hänel sind zugleich die Titel sehr unvollkommen gegeben und manche geradezu fehlerhaft. Plü^r gibt die Titel nach einem lateinischen Catalog. fast bloss andeutungsweise ohne Signa- turen, und durch eine Unzahl der stärksten Druckfehler ent- stellt. So habe ich diesen Vorgängern ausser dem über die Einrichtung und die Geschichte der Bibliothek von ihnen Dar- gebotenen wenig zu verdanken, lieber diese gibt Valentinelli die beste Auskunft, auf den ich hiermit verweise.

Meines Wissens sind viele Titel zum ersten Male von mir hier mitgetheilt, namentlich der französischen, provenzalischen und englischen Literatur. Es befinden sich darunter interes- sante, vielleicht selbst sehr wichtige Handschriften: möchten dieselben recht bald der Gegenstand einer genauem Unter- suchung und Beschreibung werden!

Italienische Literatur.

Dante. Esplicacion 6 comentario para que los Espano- les puedan leer y comprender la Comedia del Dante Allighieri, escrita sin nombre de autor ä fines del s. XV. S - II - 13 - fol - 35. (Cat. 59 v»).

Dies Manuscript scheint das bei Hänel als ,, Dante, la di- vina commedia; saec. XV. fol." bezeichnete, da die Signatur auch fast vollständig stimmt, sie ist dort S - III - 13 (III wird wol ein Schreibfehler für II sein) ; die andere von Hänel aufgeführte Handschrift der Divina commedia ist vielmehr die catalanische Uebersetzung Febrer's (s. unten).

Dante. Monarchia de Dante Allighieri, traducida del latin en lengua italiana por Marsilio Ficino , escrita en vitelas, adornada la primera hoja con pinturas y oro, en Florencia ä 21 de Marzo de 1462. Pertenecio ä D. Diego de Mendoza, Un cod. en vitelas en 4°. Pasta. & - III - 25. (Cat. 91).

Bei Jlänel nur als „Monarchia" Dante's aufgeführt, nicht als Uebersetzung Ficino's.

Petrarca. - ~ Triunfo de la fama del Petrarca por Jacopo di Messer Poggo [wol: por Messer Jac. Poggio] escrito en italiano, en finisimas vitelas, adornadas sus primeras hojas con oro y pinturas, häcia mediado del s. XV. En 4" mayor. Pasta labrada. y - III - 23. (Cat. 132).

.Inliil.. f. r..ni. ii. ''ii-I. Lit. IV. 1. J.

50 Ebert

Die bei H'dnel aufgeführten Sonelti ed altre pocsie Pe- trarca's (h - I - 10) fehlen in unserm Catalog.

Boccaccio. Arte de amar de Ovidio explicado por Juan Bochatio, escr. de muy buena letra por Antonio de Roma, ano 1388. AI fin estä el texte seguido, y la traduccion en verso italiano. En pap. en fol. P - II - 10. (Cat. Tjv").

Boccaccio. Novelas de Juan Boccaccio de Certaldo, escr. en papel ä med. del s. XV. En fol. Pasta. J - II - 21. (Cat. 94 v°).

Nach Hänel und Valentinelli eine Uebersetzung ins Ca- stilische, der Catalog besagt darüber nichts; doch ist es wahr- scheinlich, weil sonst das ,,e8cr. en italiano" nicht fehlen würde. (Uebersetzungen der Fiammetta und des Buchs De casibus princijmm ins Castilische s. weiter unten.)

Libro del Anticristo escr. en verso italiano, en pergam. a med. d. s. XIV. d - IV - 32. (Cat. 83).

Quexas de un enamorado, y al fin un soneto, escr. en pergam. en ital. s. n. d. a. ä fin. d. s. XV. S- III -21. (Cat. 109 v°).

Das Soneto ist: „alla fortuna", wie Cat. 126 v" zeigt. Alejandro, comedia escr. en lengua etrusca, en prosa, en pap. d. s. XVI. En menor. b-IV-12. (Cat. 2v"). (Canzoni s. unten in Französ. Lit. unter Canciones.) Clara, Hipolita. Los seis primeros libros de la Enelda de Virgilio, traducidos en verso italiano por Hipolita Clara, escr. por su misma mano, en pap., en el ano de 1533. men. f-IV-17. (Cat. 62 v°).

Clara, Hipolita. Rimas de Hip. Clara, escr. p. mano de la autora , en ital., algunos sonetos en frances, y uno solo en castellano, ä princ. d. s. XVI. 4*^ men. b - IV - 24. (Cat. 123).

Guicciardini. Advertencias civiles por Guicciardini, escr. en ital., en pap,, häcia f. d. s. XVI. X - III - 6 - fol. 327. (Cat. 2).

Spinello da Giovenazzo. Anales de Messere Mattheo Spinello da Giovenazzo, copiados de los que estan en poder del Sr. Miguel Gesualdo; comienzan desde el a. 1247 hasta 1268; escr. en lengua ital., en pap., ä m. d. s. XVI. L - I - 25- fol. 95. (Cat. 2v°).

Nardi. Discurso de Jacobo Nardi, por el quäl trata de persuadir al Emperador Carlos V. la justicia con que los

Die Handschriften der Bibliotliek des Escorial. 51

Florentinos piden su libertad etc., cscr. en lengua ital., en pap., häcia m. d. s. XVI. L - I - 9 - fol. 1°. (Cat. 52 v«).

Xardi. Discurso de Jacobo Nardi, hecho en Venecia despues de la niuerte de Papa demente VII. el afio 1534 ä instancia de algunos nobles Venecianos para informacion de las novedades oecorridas en Florenzia desde el a. 1494 hasta el de 1534, escr. en leng. ital., en pap., häcia m. d. s. XVI. L- 1-9 -fol. 10. (Cat. 52 v°).

Giannotti. Historia de la republica Florenlina, com- puesta p, Donato Giannotti, escr. en ital., en pajD. , a pr. d. s. XVI. Fue concliiida 1534. O - I - 17 - fol. 396. (Cat. 73 v«).

Erste Ausgabe 1721, s. Gamba p. 422.

Fedeli. Historia de la guerra del Turco contra los Venecianos desde el a. d. 1563 hasta el 1573, por Fedel Fedeli, escr. en leng. ital., en pap., a pr. d. s. XVI. En fol. max. 0-1-17 -fol. 1. (Cat. 73 V«).

Historia de Roma desde 320 1350, escr. en ital. s. n. d. a., en pap., ä pr. d. s. XVI. Estä falta al principio. 0-1-17 -fol. 516. (Cat. 73 v°).

Tratado del tirano y tirania y del rey y reino por Augustino Nipho 6 de Viconovo, escr. en pap., en ital., ä med. d. s. XV. &-IV-10. (Cat. 130).

Landi, GiiiUo. Libro de la Grandeza de änimo, escr. en it. por el conde Giulio Landi que le intitula: „Delle morali e costumate azioni", consagrado ä la memoria del Emper. Carlos V, escr. en it., en pap., ä fin. d. s. XVI. 4". d - III - 26. (Cat. 69 V«).

Corsa, Giacomo. Diälogo de la confusion de las cien- cias, por Giacomo Corso, escr. en leng. it., en pap., ä pr. d. s. XVI. Ä - III - 28 - fol. .38. (Cat. 50).

Corso, Giacomo. Diälogo de la creacion del mundo, comp, por Giacomo Corso, dirigido al Cardinale de Monte, escr. en pap., en leng. it., ä pr. d. s. XVI. 4". & - III - 28- fol. 1". (ibid.)

Ueborsetzungen aus den Alten.

Ausser den oben erwähnten metrischen Uebersetzungeu : Vitruvius^ der Uebersetzer nicht genannt, Ende XIV. sehr schön geschrieben. Perg. fol. (J-II-l. Cat. 5). Ciirtius, übersetzt von dem P. Candido Decembre 1438, sehr schön geschrieben, aber der Anfang fehlt. Cod. en perg.

4*

52 Ebert

fol. (N - III - 3. Cat. 74). Ferner drei llandsclniften einer ital. üebersetzung der Hist. nat. des Plinius, von denen zwei wenigstens durch die Erwähnung der an den König Ferdinand von Aragonien gerichteten Widmung als das Werk des Crist. Landino sich kundgeben. Die Titel lauten vollständig nach dem Catalog:

Historia natural de C. Plinio en leng. ital., escr. con raucho lujo y elegantes pinturas en vitehts, häcia fin. d. s. XV. Contiene los XI primeros libros y una dedicatoria al rey D. Fernando de Aragon y de Sicilia. En fol. mayor. h - I - U. (Cat. 75 v").

Hist. nat. de C. Plinio 2", contiene los diez y ocho pri- meros libros preeedidos de un prologo dirigido al rey D. Fer- nando de Aragon. Escr. en vitelas con adornos, en leng. it., häc. f. d. s. XV. Fol. mayor. h - I - 3. (Cat. ibid.)

Hist. nat. de C. Plinio 2'\ comprende desde el libro ly hasta el 37, escr. en ital. adorn. de letras iniciales, häc. f. d. s. XV. Fol. mayor. h - 1 - 2. (Cat. 77). (Ist wohl die zweite Hälfte der vorigen Handschrift).

Noch sei erwähnt: Educacion de un Principe, 6 tratado de como un Rey no puede gobernar sin ciencia, de Plutarcho, escr. en it., en pap., ä m. d. s. XV. Perg. 4". & - IV - 10- fol. 1". (Cat. 58).

Eransösische Literatur.

Canciones amorosas en frances, puestas en milsica para cuatro voces (segun parece), escritas con mucha lirapieza las notas musicales, en pergam. ä pr. d. s. XV. 4°. V - III - 24. (Cat. 12).

Canciones francesas e italianas, puestas en mdsica, escritas en papel, ä pr. d. s. XVI. (Pertenecio ä D. de Mendoza). menor. a - IV - 24. (Cat. 12 v°).

Chartier, Alain. Diälogo entre quatro, l'acteur, France, le Peuple, le Chevalier, por Alain Chartier. Escr. en frances, en pap., ä pr. d. s. XV. X - HI - 2 - fol. 197. (Cat. 50).

Ist offenbar das Q,uadriloge. invectif Chartier's.

Chartier, Alain. Romance frances por Alain Chartier, escrito en vitelas ä med. d. s. XV, en prosa. O - I - 14 - fol. 35. (Cat. 123 v°).

Ob die Esperancel

(Chartier, Alain. ' Breviario de Nobles, poesia 6 ro-

Die Haudscliriften der Bibliothek des Escorial. 53

niance frances, s. n. d. a. , escr. en vitelas ä med. d. s. XV. O - 1 - 14 - fol. 22 V. (Cat. 10).

Dass das Manuscript das bekannte Werk Chartiefs ist, ist um so sicherer, als es mit dem vorhergehenden zusammen- gebunden.

(Chartier, Alain, ' Espejo de damas, romance 6 poesia, en fr., en vitelas ä m. d. s. XV. (Ohne Angabe des Verfassers). 0-1-14 -fol. 27. (Cat. 59 v°).

Dies mit den beiden vorhergehenden zusammengebundene Manuscript ist offenbar: „Le Mirouer des dames" von Alain Chartier, vgl. P. Paris, Manuscr. fran^. VII, p- 254, wo dies Gedicht in einer Sammelhandschrift Chartier's aufgeführt und als ,,inedit et curieux" bezeichnet ist.

MaroU Seine Uebersetzung der Metamorphosen , aber nur das zv^^eite Buch enthaltend, Papierhandschrift in kl. 4°, nach der Mitte des XVI. Jahrhunderts („en parte negro, bas- tante mal tratado por el fuego"). f-IV-6. (Cat. 90).

Romance frances, sin nombre de autor, escr. en pergam., muy adelantado al siglo XIII. Fol. Pasta encarnada. P-II-22. (Cat. 123 v°).

Historia de Pontus. Parece como una novela 6 libro de caballeria, anonimo, escr. en frances ä pr. d. s. XV. X-III-2- fol. 137. (Cat. 75).

Offenbar der Roman von König Ponthus und der schönen Sidonie.

Leon coronado, parecen ser romances franceses en prosa y en verso escritos en dicho idioma, en pap., ä pr. d. s. XV. Fol. Terciopelo azul. L - II - 23. (Cat. 82 v«).

Ob etwa der Roman von L//o« de Bonrges, welchen Paris Manuscr. fran^. III, p. 1 ff. aufführt, und der eine Nachahmung einer Chanson de geste ist? Ueber die Form des Romans sagt Paris: „il est vrai qu'en general ces vers sont octosyllabiques; mais souvent l'arrangeur s'est contente de copier les vers anciens, et nouvent ausui il na pris aucun Nijin de donner ä ses lignes wie mesure et des consonnances regulierest'. Es wäre nicht unmöglich, dass dergleichen Verse, wie die letztgenannten , von dem Verfasser des Catalogs für Prosa angesehen worden wären. Paris fährt dann fort: ,,Le plus grand effort de son Imagination semble avoir ete de couper le recil cn chapitres dont les rubriques sont tres cir- constanciees". Auch diese Angabe bestärkt unsere Vernui-

54

Kljcrt

thung, und würde zugleicli die Bezeichnung: „romances" erklären. Auch die von Paris mitgetheilte Inhaltsangabe stimmt zu unserm Titel. Der Sohn eines vertriebenen Herzogs von Bourges wird von einer Löwin gesäugt und deshalb Lyon genannt , nach mannichfachen Abenteuern erobert er sein Herzogthuni wieder. Eine Episode spielt selbst in Spanien. Der Roman gehört dem Kreis der Karlsage an. Da die Hand- schriften von der Chanson de geste sowie von dem Roman sehr selten zu sein scheinen, hat dies Manuscript vielleicht besondere Bedeutung.

Le Roman du Jotweneel. Escr. en vitelas finisimas, adorn. de vinetas de muy buen gusto, ä pr. d. s. XV. Fol. S-n-16. (Cat. 80).

S. über dieses Werk Jean de BueiVs Paris, 1. 1. H, p. 130 fl^.

Tratado del Gobierno de Reyes, anonimo, escr. en frances, en pap., ä pr. d. s. XV. X - HI - 2 - fol. 224 v°. (Cat. 69).

Ist vielleicht das „Gouvernement des Rois et des Princes", aus dem lateinischen des Gilles de Rome ins Französische übersetzt von Henri de Gauchy, bei Paris, 1. 1. II, p. 211.

Espejo de ricos y particularmente de los de corte, eom- puesto por Fr. Miguel Frangois, y fue concluido en Agosto de 1500, escr. en fr. en vitelas con una hermosa vineta al principio. Fue hecho para el Archiduque d'Austria y Duque de Borgona D. Felipe, de quien era confesor el autor. En fol. max. Z-I-1. (Cat. 59 v«).

Arbol de Batallas dividido en quatro partes; la primera habla de las tribulaciones de la Yglesia ya pasadas , la segund» de la destruccion de quatro grandes reynos antiguos , la tercera de las batallas en general, la quarta de las batallas en parti- cular; compuesto por Honorato Bonnet Prior de Sallon, escr. en frances en pap., no muy adelantado el siglo XV. Dirigido ä Carlos VI , rey de Francia. En fol. Pasta. X - III - 2- fol. 1°. (Cat. 4 v»).

Vielleicht dieselbe Handschrift, deren Paris 1. 1. V, p. 101 gedenkt (Nr. 7077) als „transcrit en Espagne".

Provenzalische Literatur.

Arbol 6 Breviario d'Amor, en que trata de la esplicacion del dicho ärbol y sus propiedades, de la esencia de Dios,

Die Handschriften der Bibliuthek des Escorial. 55

de los ängelos buenos y malos, del cielo, de los signos etc., escr. en rimas lemosinas por Messer Matfre en el ano del iiascimiento de J. C. de 1288, en vitelas, adorn. de vinetas y oro. En fol. en pasta encarnada. S - I - 3. (Cat. 5).

Poesias anonimas, escritas en lenguage gälico provenzal, en pergam., a princ. del siglo XIII. Esta falte al fin. Cod. en 4" de figura niuy prolongada, en pasta. M - III - 21. (Cat, 105 v°).

Catalanische Literatur.

Der catalanischen Handschriften, welche durchweg mit dem Ausdruck ,,lemosinische" bezeichnet werden, sind ver- hältnissmässig nicht wenige, über 40 nämlich ^). Die meisten hat auch bereits Bayer in seiner neuen Ausgabe des Nie. An- tonio, wie ich mich grösstentheils selbst überzeugt habe, auf- geführt; ich will die wichtigsten kurz namhaft macheu, und dann einiger, und zwar solcher, die ich bei Bayer nicht entdeckt habe, ausführlicher gedenken. So finden sich die Chronik und das Libre de la Saviesa von König Jacob I, die Chronik Muntaner's und Desclot's, Turmeda's Letrillas de las cosas qua han de suceder etc. (s. Bayer II, p. 363), der Crestia des Ximenez und andere Werke desselben (s. Bayer II, p. 183), sowie die religiösen Schriften des Erz- bischofs von Valencia, Pedro Pasqual (s. Bayer 1. 1. p. 101, Anm. 1); ferner der Torcimany des Luis de Aver90, die Poe- sien des Ausias March.

Nicht angeführt fand ich bei Bayer die Handschrift der seltenen Chronik von Tomich, welches Werk nach Cambouliu, Essai p. 66, in Barcelona 1495 gedruckt erschien. Die Hand- schrift ist unter folgendem Titel aufgeführt: Historia de Espana y particularmente de la Corona de Aragon hasta el rey D. Alonso el V., compuesta por Pedro Tomich, en lengua lemosina, escrita en papel por Luis Rivellas, ano 1493. En fol. X - II - 10. (Cat. 75).

Ferner: Leyes de Caballeria, de paz y de guerra, por Berenguer de Puiy , escr. en lemosin en papel, a tines d. s. XV. Y-III-4-fol. 58. (Cat. 82 v«).

') Sell)t;tver.stäiidlich .sind hierbei die Manuseripte, die zu der ,, Literatur" nicht gehören, als Gesetzsammlungen ete. nicht mit gerechnet.

56 J-'^*^^'-'

Von demselben Verfasser findet sich auch ein ,,Stimaria de Espana" (wohl: de la historia). (Cat. 127 v°).

Coplas lemosinas y castellanas amorosas, s. n. d. a.. en pap., ä fin, d. s. XV. (Valen poco\ d -II - 10 - ultima hoja. (Cat. 39).

Propiedades de las yerbas rosemarino, salvia y coriandro, escr. cn pap., en lemosin, a med. d. s. XIV. G - III - 18- fol. 12. (Cat. l()6v^')-

Flos Sanctorum, escrito en lengua lemosina, s. n. d. a.. en Vit., ä med. d. s. XIV. En fol. N - II - 5. (Cat. G.5).

Da wohl trotz der nachlässigen Abfassung des Catalogs sich nicht annehmen lässt, dass dieses Wort die weiter unten angeführte Uebersetzung sei, ist es vielleicht das Buch, das Ximenez, der Verf. des Crestia, unter diesem Titel verfasst haben soll. S. Nie. Ant. II, p. 181, Nr. 366.

Von U eher Setzungen in das Catalanische finden sich die der göttlichen Komödie von Febrer (escr. en pap. , en Barce- lona 1428. En fol. L-II-18. Cat. 34 v°); die von Frag- menten aus Seneca, deren auch Helfferich, Raym. Lull p. 54 Anm., gedenkt (Cat. 39 v°); ferner:

Obras de Valerio Moximo , traducidas en lengua lemosina por mandado del Cardenal de Valencia, quien las envia (sie) al concejo de Barcelona, por mano de Bartolome de Canals, escritor del dicho libro, elegantemente escrito en vitelas ano de 1395. En fol. max. R-I-11. (Cat. 96 v°).

Von dieser Uebersetzung findet sich hier noch eine andere Handschrift (h - I - 10. Cat. ibid.), in deren Titel richtiger der Uebersetzer Antonio Canals und der Schreiber Bartolome ^Ja- valls genannt wird. (Vgl. auch Bayer, 1. 1. II, p 178.) Der Titel der zweiten Handschrift enthält noch einiges Bemerkens- werthe, nämlich: „traduc. por Fr. Ant. Canals, ord. Pred'"._, por mandado del rey D. Juan 1°. Frecede una carta que el Cardenal de Sabina envio ä Barcelona con este libro, fecha Valencia de Decienibre de 1395, la respuesta, y otra carta del traductor al Cardenal". Ausserdem finden sich zwei Handschriften einer Uebersetzung desselben Buchs ins Castilische von demselben Ant. de Canals vor, die eine aus dem Jahr 1427, die andere defecte vom Jahr 1430 (h - 1 - 11 und 12. Cat. 50 v°).

Flos Sanctorum, en el que se contienen las principales festividades del ano, dividido en quatro partes, traducido del

Die Handschriften der Bibliothek des Escorial. 57

latin al catalan 6 lemosin, anönimo, escr. en pergamino, ä princ. d. s. XV. En fol. men. N - III - 5. (Cat. 65).

Ob etwa eine auszugsweise gemachte Uebersetzung der Legenda aurea? Die castilische Uebersetzung derselben führt auch den Titel Flor es 6 vidas de santos.

Noch sind zu erwähnen eine Uebersetzung, oder dem Titel nach genauer: „Erklärung" des bekannten Werks des Aegidius Romanus:

Regimiento de Principes , hecho y compil. p. Fr. Eg. Rom., declarado por Fr. Andres Stanyol, carmelita, escr. en lengua lemosina, ä pr. d. s. XV, en pap. En fol. max. R - 1 - 8. (Cat. 111b).

Und eine Uebersetzung der Chronik des Martinus Polonus aus dem Ende des 13. Jahrhunderts, also sehr bald nach dem Erscheinen des Originals. (P - II - 18. Fol. Cat. 40).

Sowie eine Uebersetzung der Dialoge der heil. Katharina von Siena vom Jahr 1546. (Cat. 50).

Endlich ein aus dem Hebräischen wahrscheinlich über tragenes Werk des bekannten Philosophen und Mathematikers, Aben Esra:

Juicios de Jas estrellas 6 Astrologia judiciaria, que com- puso Abraham ha venazera (Ben-ezra) ano 1148, en lengua lemosina, escr. en pap., ä med. d. s. XV. En fol. N - I - 19. (Cat. 80).

Ausserdem eine Anzahl erbaulicher Schriften und ein paar Moraltractate, sämmtlich anonym, zum Theil aus späterer Zeit.

Spanische Literatur.

Dass die Bibliothek des Escurials auf diesem Gebiete sehr bedeutende Schätze besitzt, ist allgemein bekannt. Der wichtigsten ist schon öfters gedacht worden , und auch die minder wichtigen sind zum grössten Theil von Bayer, Rodriguez de Castro u. A. aufgeführt. Ich werde daher auch hier so verfahren, dass ich von allen den Handschriften die mir über- haupt wichtig erscheinen, diejenigen, von denen ich theils weiss theils wenigstens mit Sicherheit vermuthen darf, dass sie be- reits als der Escurialbibliothek angehörig genannt worden sind, nur kurz und andeutungsweise namhaft mache, die dagegen, von welchen ich in jener Beziehung einen Zweifel hege, mit ihrem vollen Titel hervorhebe.

58 Kbert

I. Erste Periode, bis zum Anfang des XV. Jahrhunderts.

Besonders reich ist die Bibliothek an Werken Alfons' X., s. dieselben bei Bayer, II, p. 78ff.; sie besitzt ferner bekannt- lich die Castigos seines Sohnes Sancho, sowie die Monteria Alfons' XI. (s. Bayer II, p. 165); das Gedicht des Juden von Carrion, die Danza general de la muerte, das Gedicht vom Conde Fern. Gonzalez, sowie ein paar andere kleinere Ge- dichte derselben Handschrift (vgl. Wolf, Stud. p. 153 ff.); in- gleichen die älteren, erst unlängst herausgegebenen Gedichte vom König Apollonius, der Maria Egypciaca und der Anbe- tung der Könige (s. darüber Wolf, 1. 1. p. 50); ferner das Libro del Palacio Ayala's, und zwar in folgender, in mancher Rücksicht bemerkenswerthen Weise verzeichnet:

Poesias anönimas, pero que se cree sei de Pedro Lopez de Ayala, segun Bayer. AI principio se leen las notas si- guientes:

1''^. El autor de estas poesias es Pedro Lopez de Ayala segun la confrontacion hecha por D. Manuel Abella con otro exeraplar que tiene la Academia espanola.

2^. NB. Es el famoso libro que Ilaman rbnado de Pa- lacio, puede suplirse la hoja que falta por otra copia del siglo XV en que pertenecio ä la casa de Campo Alange B. J. G.

Estän escritas en pap. , ä fin. d. s. XIV. Diöle ä S. M. D. Jorge Beteta. En foh h- III -19. (Cat. 105 v°).

Dass diese Handschrift auch die Paraphrase des Hiob nach dem heil. Gregor enthält, zeigt eine Note Bayer's zu Nie. Ant. II, 194, Anm. 2. Bemerkenswerth ist die ur- sprüngliche Bezeichnung der Handschrift als Poesias, die auf den auch äusserlich losen Zusammenhang der einzelnen Theile jenes Werks hinweist. Vgl. hierüber vornehmlich Wolf, 1. 1. 139 ff.

Dem Ende dieser Periode scheint ein Gedicht anzugehören, dem ich sonst nicht begegnet bin:

Las siete edades del mundo escritas en verso y prece- didas de una dedicatoria dirigida ä una reyna de Castilla que no nombra: la ultima edad concluye en el tiempo del papa Gregorio XL No se halla el nombre del autor, el caräcter de la letra es de mediados del siglo XV, estä adornado de vinetas de mal gusto. En may. h - II - 22 - fol. 1"^. (Cat. 57).

Die Handschriften der Bibliothek des Esoorial. 59

Welchen Schatz an Chroniken aus dieser ersten Epoche der spanischen Nationalliteratur die Bibliothek besitzt, ist in den weitesten Kreisen bekannt worden, indem vornehmlich ihrer gerade Hänel und Andere gedenken. Um so mehr über- gehe ich sie hier; dagegen sind die folgenden Prosawerke wenig bekannt:

Disputa entre un judio y un cristiano, sobre estar ya abolida la ley de Moyses, escr. en castellano, a fin. d. s. XIII. en pergam. g - IV - 30 al fin. (Cat. 54).

Schon durch das Alter merkwürdig. Nur Knust hat, doch ohne genauere Titelangabe, dieses Manuscript angeführt, 1. 1. p. 814 u. 816.

Einer Erzählung vom Kaiser Otas und der Infantin Flo- rencia, sowie einer andern von Carlos Maynes und der Kai- serin Sevilla (Sibille), welche ein Collectivcodex des 14. Jahr- hunderts (h-I-13) enthält, hat kürzlich Wolf zuerst in den Zusätzen seiner Studien (p. 741) gedacht. Eine andere Er- zählung desselben Codex finde ich aber dort nicht aufgeführt, und lasse deshalb ihren Titel folgen:

Cuento muy fermoso de una santa Emperatriz, que ovo en Roma, et de su castidad, s. n. d. a. , escr. en pergam., ci med. d. s. XIV. Fol. h-I-13. (Cat. 43).

Noch ein Cuento findet sich in einer Handschrift späterer Zeit, er sei hier sogleich angemerkt:

CueHto de las Estrellas, escr. en pap. , s. n. d. a. , des- pues de med. el s. XVI. En fol. max. h - 1 - 3. (Cat. 43).

II. Das XV. Jahrhundert.

Auch von den Dichtern der Regierungszeit Johann's II. finden sich, wie bekannt, hier nicht wenige und auch bedeu- tende Handschriften: so die Arte Cisoria des Marques von Villena; ferner von Juan de Mena die Coplas contra los siete pecados mortales, welche Handschrift Bayer nicht aufgefunden hat (s. II, p. 268, Anm. 2), wahrscheinlich weil sie in einem Collectivcodex (K - III - 7 - fol. 157) sich befindet; ferner von demselben die Coronacion, und Coplas in dem folgenden Codex, auf den Bayer a. a. 0. wohl hinweist , ohne jedoch den Titel desselben genauer zu geben :

Coplas de Juan de Duenas; pregunta de Jua7i de Mena; respuesta de Villalpando, y pregunta del mismo al Bachiller

60

Kbert

Altbnso de la Torre, coii la respuesla del Bachiller con olras coplas, escr. en pap., cn castellano, häcia fin. d. s. XV. Fol. N-I-13-fol. 1°. (Cat. 38 v°).

Verschiedenes ferner von dein Marques von Santillana (worunter auch seine Proverbios). Nicht minder finden sich Alonso de Cartagena (Doctrin. de cab.), Jorge Manrique und Fern. Perez de Guzman (Gedicht auf Alonso de Cartagena) vertreten.

Noch weit reichlicher und bedeutender ist der Schatz prosaischer Werke dieses Zeitraums; rücksichtlich der Histo- riker verweise ich auch hier ganz auf meine Vorgänger, indem ich nur die Namen Guzman, Pulgar und Almela hervorhebe, von welchem letztern namentlich viel sich findet. Auch vom Faso honroso ist eine Handschrift da; ingleichen Diego de Va- lera's ,,Libro de la Nobleza e fidalgufa" (N - I - 13. fol.) sowie die Vision deleitable des Alf. de la Torre. Auch der Corbacho des erst durch Wolf zu Ehren gebrachten Erzpriesters von Talavera befindet sich auf der Bibliothek, und die Art wie er in unserm Catalog aufgeführt ist gibt neue und nicht unin- teressante Aufschlüsse :

Avisos para precaver ä los jövenes incautos contra los lazos y artes de las prostitutas. El titulo del libro es el siguiente: Libro compuesto por Alfonso Martinez de Toledo, ArcipreKte de Tedaver a, en hedat smja de qtmrenia anos aca- bado ä 16 de Marzo ano del nascimiento del nuestro senor J. C. 1438. Sin bautismo sea por nombre llamado Arcipreste de Talavera donde quier que fuere levado , escrito por Alfonso de Contreras, en papel, ano 1466. En fol. Pasta negra. h-HI- 10 -fol. 1«. (Cat. 6).

Hieraus geht also die Zeit der Abfassung des Werks sowohl als das Geburtsjahr des Verfassers (1398), welches letztere wenigstens bisher ganz unbekannt war, hervor. Bayer hat bei dem Namen des Erzpriesters (H, 249) den vorstehenden Titel nicht, dagegen einen andern aus dem Cataloge aufgeführt. Es findet sich nämlich auch in unserer Copie unter F das folgende Werk aufgeführt:

Fados, fortuna, signos y planetas, Tratado contra la comun fabla de los = compuesto por Alfonso Martinez de Toledo, Arcediano (sie) de Talavera, escrito en papel por Alonso de Contreras ano 1466. h-HI-lO-fol. 72. (Cat. 64 v°).

Schon eine Vergleichung der Signatur des letzten Titels

Die Handschriften der Bibliothek des Escorials. Gl

mit der des vorhergehenden liefei-t den offenbaren Beweis für die Behauptung "Wolfs, dass das von Bayer a. a. 0. aufge- führte Werk nur der vierte Theil des Corbacho sei. Bayer fügt seiner Titelangabe die auch von Wolf citirten Worte bei: „anno, ut ibidem legitur, 1432 ab auctore editus.'- Entweder liegt nun hier von Seiten Bayer's ein Schreibfehler vor, oder oben von Seiten des Copisten unseres Catalogs; denn offenbar bezieht sich Bayer auf die in dem ersteren Titel gemachte Zeitangabe.

Ich hebe noch folgende Handschriften von Werken unge- wissen Alters hervor, von denen ich ausserdem nicht weiss, dass sie Bayer aufgeführt habe:

Castigos y doctrinas que un sabio daba ä sus hijas ins- truyendolas para cuando contrajesen matrimonio, en castellano, escr. al fin. d. s. XV. Esta con el Tostado desde la pagina 85 hasta la 103. a - IV - 5 - fol. 85 v°. (Cat. 31 V ).

Der Tostado ist Alfonso de Madrigal; s. Nie. Ant. ed. Bayer II, p. 255.

Flores de la filosofia, porque los hombres ricos y men- guados estudiasen, sacados de los dichos de los filosofos, anonimo, escr. en pap., ä fin. d. s. XV. & - II - 8 - fol. 27. (Cat. 65).

Auf den Collectivcodex weist Bayer, die gegebene Sig- natur desselben anführend , an der Stelle hin , w^o Nie. Ant. (II, 28) eines Werks: Flores de ßlosoßa gedenkt, welches unter Alfons VIII. in castilischer Sprache verfasst sein soll. (?)

Libro de flores que es tomado de los dichos de los sabios, s. n. d. a., escr. en pap., ä fin. d. s. XV. X - II - 12 - fol. 87. (Cat. 65).

m. Spätere Zeit.

Von den Handschriften des folgenden Jahrhunderts hebe ich zunächst drei hervor, die möglicherweise nicht bekannt sind, wenigstens nicht edirt scheinen:

Poesias sagradas , obras pöstumas , que trabajaron el P. Fr. Jose de Siyueiiza y otros hijos del r. monast. dol Escorial 1586. En pap. 4". Z-IV-11. (Cat. 105 v").

Jose de Siguenza ist der bekannte Kirchenhistoriker, welcher als Prior des Escurials 1606 starb. Noch eine andere Handschrift (f-IV-33) bewahrt solche Dichtungen von ihm.

Historia Laurentina. comp, en verso por Taus Cabrera

62 I'^bert

de Cordoba, en octavas castellanas, escr. ä tin. d. s. XVI. (Maltratado por las Ilamas), e - IV - 6. (Cat. 77).

Dies Gedicht scheint mir die Gründung des Escurial und damit die Schlacht von St. Quintin zu besingen, bei welcher Vater und Grossvator des Verfassers zuerst auf der Mauer der erstürmten Festung erschienen, wie der Verfasser in seiner Geschichte Philipp's II. selbst erzählt.

Las obras satiricas del conde de Villamediana a los pre- lados y ministros del rey Don Felipe 3'', y su confesor, ä otras personas y objetos, escritas en verso en un cod. en 4" pap. pergam. J - III - 15. (Cat. 101).

Villamediana war bekanntlich einer der ersten und bedeu- tendsten Nachfolger Gongora's. Einer der beliebtesten Hof- leflte, soll er ein Opfer der Eifersucht Philipp's III. geworden sein. Seine Gedichte erschienen im Druck erst nach seinem Tode unter dem Titel „Obras" Zaragoza 1629 und 1G34, und Madrid 1035. Spätere Ausgaben sind mir nicht bekannt; dass in jenen aber die oben aufgeführten Satiren auf Minister, Prälaten und den Beichtvater des Königs enthalten gewesen, erscheint sehr unwahrscheinlich.

Noch sei erwähnt, dass der Catalog auch ein paar Werke der heil. Theresa, darunter den Camino de 'perfeccion , und von Luis de Granada: Meditacion sobre las 7 palabras de J. C. aufführt, so^^^e einiger „Obras" des Arias Montano gedenkt.

Ob die folgende Handschrift eines handschriftlich so sel- tenen Werks bekannt ist, weiss ich nicht:

Diälogo de las lenguas, anönimo, escr. en pap., ä princ. d. s. XVL En 4°. K - III - 8 - fol. 1°. (Cat. 50).

Es ist offenbar das 1737 zuerst nach einer Madrider Hand- schrift veröffentlichte Werk von Juan Valdes. (Vgl. Ticknor I, 425 f.) Von demselben merkwürdigen Gelehrten findet sich :

Dialogo llamado de Mercurio y Charon en que se mani- ßesta la justicia del Emperador Carlos V. y la iniquidad de los que le desfiaron, escrito s. n. d. a. i^talvez de Juan de Valdes en pap. äntes de med. el s. XVI. En fol. N - II - 24. (Cat. 49 v°).

Ueber diese 1850 von neuem herausgegebene berühmte Schrift, welche auch Juan's Bruder, Alfonso beigelegt wird, s. Boehmer in der neuen Ausgabe von Valdessi, Considerazioni (Halle, 1861) p. 488 ff'., Anm, 20.

Die folgende Schrift, welche offenbar für Gongora gegen

Die Handschriften der Bibliothek des Escorial. 03

Jauregui's Discurso 2}o^ii(^(^ contra el hablar culto y obscuro verfasst ist, finde ich weder bei Nie. Antonio noch bei Ticknor oder sonstwo erwähnt:

Anti-Xauregui del Licenciado Don Luis de la Carrera al reforraador de los poetas castellanos, escr. en pap,, en ca- stellano, ä pr. d. s. XVII. L - I - 15 - fol. 225. (Cat. 3 v'^). Von besonderem literarhistorischem Interesse muss die folgende Handschrift sein:

Diälogo de tres religiosos sobre la historia del Predicador Fr. Gerundio , con otros muchos papeles, en prosa y en verso, en pro y contra de dicha obra, anonimos, escr. en pap., ä fin. d. s. XVII. (offenbar S.chreibfehler für XVIII). J - III - 34- fol. 107. (Cat. 49 v°).

Auch eine Sprichwörtersanimlung findet sich a. d. E. XVI. : Refranes castellanos y algunos traducidos al latin, s. n. d. a. d- IV- 3 -fol. 161. Ferner:

Lecciones varias del Cancionero general, impreso en Amberes por Martin Nucio , ano de 1557 en cotejado con la impresion de Cromberger en Sevilla, ano 1540 en fol., anonimo, escrito en pap., siglo XVII. L-I-15 fol. 207. (Cat. 82).

In literargeschichtlicher Beziehung ist vielleicht beachtens- werth ein Briefwechsel zwischen D. Gregorio Galindo und dem Marques de la Mina ,, sobre representacion de comedias". Copien aus d. Anf. XVII. N - 1 - 12 - fol. 266. (Cat. 28 v°). Und in Betreff der Aussprache ein andrer zwischen Fr. de Fi- gueroa und Ambr. de Morales:

Carta de Franc, de Figueroa sobre la verdadera pro- nunciacion de la lengua castellana, fecha en Chartres ä 20 de Agosto de 1520, escr. en cast. L -1-13 -fol. 184.

Carta de Ambr. de Morales contestando ä la de Fr. de Figueroa sobre la verd. pron. etc. Zum grössten Theil von der Hand des Verfassers, aber wie es scheint nicht beendigt. L-I- 13 -fol. 234.

Uebersetzungen ins Castilischc.

Eine nicht geringe Zahl von Uebersetzungen ins Casti- liscbe findet sich auch vor, namentlich aus dem Lateinischen; ich will in der Kürze sämmtliche Uebersetzungen namhaft machen , die ich mir notirt habe , und ich glaube nur sehr wenige und solche die ohne alles Interesse mir erschienen (so

(54 Ebert

Uebersetzungen des IG. Jahrhunderts die im Drucke sogleich herausgekommen sind), übergangen zu haben. Mag auch Bayer schon manche hier und dort in seiner Ausgabe des Nie. An- tonio aufgeführt haben, ihre Zusammenstelhing allein dünkt mir schon lehrreieli. Nicht bloss sehr interessant, sondern ungemein wichtig für die Literaturgeschichte des Mittelalters wäre es , wenn Jemand eine statistische Uebersicht der ge- sammten Uebersetzungsliteratur desselben verfasste, chronolo- gisch geordnet, und gegliedert nach den einzelnen Sprachen, denen die Uebersetzer angehörten. Hierzu mag das Folgende einen kleinen Beitrag liefern. Die beigefügten römischen Ziffern geben das Alter der Handschrift an.

a) Aus dem Lateinische?!.

Aegidius Romanus. Ich lasse diesen Titel genauer folgen : Gobernamiento de los Pi-incii^es, compuesto por F. Agidio Roma (sie), y traducido al castellano por Pedro Garcia de Castroxeriz, a ruego de Bernabe Obispo de Osma, para la educacion del Infante D. Pedro, hijo de Alfonso XI, escr. en pap. häcia el ano 1400. En fol. max. h - 1 - 8. (Cat. 69.)

Dasselbe Werk findet sich noch einmal in einem Cod. in 4" vom Ende des XIV. Jahrhunderts. Von dem Werke des Tbomas von Aquino: ,,De regimine principum" finden sich zwei Uebersetzungen Ende XIV und Anfang XV. Die Legenda aurea, zwei Uebersetzungen XV. Dialoge des heil. Gregor XV. Vegecius Mitte XV, Livius (v. Ayala) Mitte XV. Salust (Catil. u. Jug.) XV. Curtius (Dichos [sie] de Quinto Curtio) Mitte XV. Val. Maximus (siebe oben pag. 56) Anfang XV. Cicero, Offic. et De senect. Mitte XV; Rhetorica (?) (der Titel der Uebersetzung ist: Retorica de Ciceron, traslad. por Alf. de Cartagena, a inst, de Eduarte rey de Portogal, escr. ä f. d. s. XV. Das Beto- rica als spanisches Wort genommen könnte auch auf das be- rühmtere Werk: De oratore gehen). Seneca, Werke ,,Obras" zwei mal, v. Alf. de Cartagena und ohne Namen des Ueber- setzers „auf Befehl Juan II. von Castilien", wohl dieselbe Uebersetzung, beide XV; De vita beata (con notas al märgen de Alf. de Cartagena); De ira (Tratado de Sen. contra la ira y sana, trasl. d. lat. p. Fr. Gonzalo, y corregido p. Nuno de Guzman escr. en pap. 1415); Epist. ad Lucil. durch Ver- mittelung einer italienischen Uebersetzung (,.hechas trasladar

Die Handschriften der Bibliothek des Escorial. 65

de latin en lengua florentina por Ricardo Pedro, e liiego las fizo trasladar de ling. tose, en castell. Fern. Perez de Guzman.") Anfang XV; Tragoediae, Uebers. anon., Mitte XV; Proverbia (übersetzt und glossirt v. Alf. de Cartagena) Ende XV. Boe- thius, Consol. phil. (con la glosa de Fr. Nie. Trebet), Mitte XV. Lull, Arb, pbil. Ende XVI. Boccaccio, de casibus vir. („Caida de principes", zum grössten Theil dem Ayala zuge- schrieben, s. Nie. Ant. II, p. 195) in 2 Manuscripten Mitte und Ende XV. (Das von Hänel p. 961 citirte Manuscript: Lucano en prosa castell. antiquiss. membr. 4°, habe ich nicht gefunden. Beachtenswerth in der Beziehung ist, dass „Phar- salia" im Cat. 104 ausgestrichen ist.)

b) Aus dem Italienischen.

Boccaccio, Fiammetta, 2 Manuscripte , Uebers. anon., P - I- 22 in fol. max. (defect im Anf.) und e - III - 9 in 4'', beide Mitte XV. Vielleicht auch das Decameron, siehe oben p. 50.

c) Aus dem Französischen.

Historia de la guerra y ruina de Troya de Daretys Fri- gio et Dyctis Cretense, traducida del frances al castellano por mandado del rey D. Alfonso XI. de Castella, e fue concluido el postrero dia de Deciembre era de 1388, del nascim. de J. C. 1350. Tiene pintadas algunas märgenes de los heroes de dicha guerra, escr. en vitelas. En fol. max. h - I - 6. (Cat. 75 v°.)

Flor de las ystorias de Orient , en que se habla de su situacion , reyes , costumbres etc. , compuesto en frances por Fr. Ayton, hermano del rey de Armenia, por mandado del papa demente V, mandado escribir por D. Fr. Joan Fer- randez de Redia, maestre de S. Juan de Jerusalem, traducida al castellano por Nicolau Falcon de Coli, escr. en vitelas adornadas de oro y pinturas en el principio de los libros, acia med. d. s. XIV. Comprende tambien el pasage a la tierra Santa. En fol. max. Z - I - 2 - fol. 1". (Cat. 65.) Darin ist auch das Werk des Marco Polo enthalten (s. Cat. 48 v°).

Ferner Hon. Bonnet's Arbre des batailles um 1420 über- setzt (vgl. Bayer p. 210) von Antonio Zorita, gerichtet an den Marques V. Santillana ,,con notasmuy curiosas" wie der Cat. (4 v°) sagt; endlich eine Uebers. des Commiiies 1622 verf. (Cat. 88).

d) Aus dem Catalanisclten.

Die Chronik Muntancr's übersetzt von Miguel Montade

Jahrti. f. roni. ii. ctn(l. I.it, IV. J. T^

ßß Ebert

(J - in - 25. Cat. 40 v°). Der Name eines früheren Besitzers ist mit dem Datum 1593 Zaragoza angemerkt. Wahrschein- lich ist dies die Handschrift der 1595 in Barcelona erschie- nenen castilischen Uebersetzung, deren Verfasser dem Nie Antonio unbekannt geblieben (s. II, p. 145). Ferner das fol- gende Manuscript, daseiner genaueren Titelangabe würdig ist: Dichos de Sabios y Filosofos, y de otros exemplos y doc- trinas, traducido del catalan al castellano por Jacob Cadigue de Vcles hebreo, medico espaiiol, por mandado de D. Lorenzo Xuarez de Figueroa, Maestre de Santiago. AI fin se lee: Cumpliose de romanzar (NB.) e screbir en 28 de Julio, ano del nasc. de J. C. de 1402 en la villa de Vcles, lugar del dicho seiior Maestre. b - II - 19 - fol. 127. (Cat. 50 v^)

e) Aus dem Portugiesischen.

Die Chronik des Resende. (Cat. 40.)

f) Aus anderen Sprachen oder Literaturen.

Von der noch nicht genauer untersuchten Apologen- Sammlung, auf welche der Marques v. Pidal in seiner Einlei- tung des Cancion. de Baena zuerst wieder aufmerksam ge- macht hat welche Notiz Wolf in seinen ,, Studien" p. 92 abgedruckt finden sich 3 Manuscripte hier, deren Titel mir merkwürdig genug scheinen, um sie in extenso zu geben, zumal Pidal nur der alten Drucke gedenkt und als vollstün- digen Titel bloss anführt: El libro llamado Bocados d''oro el quäl hizo el Boniiim Rey de Persia. Unsere 3 Titel lauten:

Bocados de oro , d los dichos del Profeta Sset, et sus castigos 6 avisos , s. n. d. a., escr. en pap. ä pr. d. s. XV. En 4°. h - III - 6. (Cat. 9 v°.)

Bocados de oro, version castellana del libro que anda con este titulo atribuido ä Bonimi (sie) Rey de Persia, que con deseo de aprender paso ä la India, y refiere dichos y hechos de los sabios indios y griegos (!) etc., s. n. del trad., escr. en pap. häcia 1430. En 4°. e- III -10. TCat. ibd.)

Bocados de oro, 6 sentencias morales colegidas de 34 sabios, cuyos nombres no se notan, y de Sulpicio y Justino Filösofo, escr. en pap. a med. d. s. XV. en castell. En 4°. a - IV - 9 al princ. fCat. ibd.)

Allerdings ist es fraglich, ob das erste und dritte Manu- script mit dem zweiten dem Inhalt nach identisch sind. Mög-

Die Handschriften der Bibliotliek des Escorial. 67

lieh aber ist es; beachtenswerth ist auch in der Beziehung, dass der Titel des zweiten Manuscripts nicht bloss von sabios indios, sondern auch von griegos redet, und etc. beifügt; und dass der Uebersetzer nach Pidal ein Christ ist.

Kalilah xmd Dimnah. Calila y Dina (sie), que contiene una coleccion de fäbulas morales, con vinetas de pluma regu- läres. En el ultimo fol. se lee: Aqui se acaba el libro de Calila e Digna, e fue sacado jie aräbigo en latin, e roman- zado por mandado del infante D. Alfonso, hijo del muy noble rey D. Fernando, en la era de 1299 aüos; escr. en pap. ä pr. d. s. XV. En fol. Pasta, h - III - 9. fCat. 12.)

Calila y Dina, 6 coleccion de fäbulas morales, tomadas de varios filösofos, anonimo, escr. en pap. ä fin. d. s. XV. Parece que no estä completo. AI fin del codice se lee: Aca- bose jueves postrimero de Abril ario de 67 por Garcia de Medina, en Valladolid. En fol. menor. Pasta. X - III - 4- fol. P. (Cat. ibd.)

Ob die zweite Handschrift eine Copie der ersten ist, oder vielmehr die 1498 in Burgos erschienene Uebersetzung, welche auf der spateren lateinischen des Johann von Capua beruht, der bekanntlich wieder eine hebräische Uebersetzung übertrug, vermag ich nicht zu unterscheiden. Der Titel des genannten Druckes lautet freilich anders, nämlich : Exemplario contra los enganos y peligros del mundo. Die Ueber- setzung, welche die erste Handschrift enthält, auf Grund der 'älteren lateinischen, findet sich so\^el man weiss sonst nirgends, und ist bei dem Verlust ihres lateinischen Originals von be- sonderer "Wichtigkeit. Siehe über das Verhältniss der Ueber- setzungen zum indischen Grundwerk Benfey in Orient unti Occid. I, 1.

Proverbios buenos que dixeron filösofos y sabios anti- guos, traducido del griego al ärabe por Joannicio, y del drabe al latin y al castellano por incierto autor, escr. en pap. a pr. d. s. XV (Schluss fehlt). h-HI-1-fol. 116. (Cat. 108.)

Secreto Secretorum que compuso Aristoteles por mandado de Alexandro magno, traducido al castellano, dirigido ä Guido varon noble de la ciudat de Valencia, anonimo, escr. en vi- telas adornadas de oro y pinturas ä mediados d. s. XIV. Z - 1 - 2 - fol. 254. (Cat. 124 v.)

Von diesem Werk finden sich noch zwei Handschriften, die eine unter dem Titel „Poridad de las poridades , el quäl

ß8 Ebert

libro fizo Arist. trad. al cast." (L - III - 2. Cat. 106) aus dem Anfang des XIV. Jahrhunderts, Pergara. Fol.; die andere unter dem Titel Enseiiamientos y castigos que Arist. envio a Alex, llamado Porid. d. 1. por.", welche nicht als Ueber- setzung bezeichnet ist, aus dem Anfang des XV. Jahrhunderts (h - III - 1 - fol. 75. Cat. 62 v°.). Ob diese drei Manuscripte ein und dieselbe Uebersetzung enthalten, lässt sich nicht sagen, ist jedoch sehr wahrscheinlich. Uebrigens findet sich dasselbe Werk auch in einer catalanischen Uebersetzung auf der Ma- drider Nationalbibliothek, siehe Helfferich, R. Lull. p. 54 Anm. Das Original der oben vorangestellten Handschrift mindestens, ist das aus dem Arabischen übertragene lateinische Werk eines gewissen Philipp, eines Franzosen ohne Zweifel, der die Arbeit auf Befehl des Bischofs von Tripolis, Guion de Valence, unternahm; eine Handschrift aus dem XIII. Jahr- hundert befindet sich davon auf der Pariser Bibliothek (Nt. 6586); auch eine arabische Version findet sich dort; nach der Einleitung der lateinischen soll die arabische wieder aus dem Chaldäischen übertragen, das Grundwerk selbst griechisch gewesen sein. Das Buch Philipp's wurde auch ins Französische übersetzt, Ende des XIII. und des XV. Jahrhunderts. Dass aber die obige Handschrift unmittelbar aus dem Lateinischen übertragen sei, dafür scheinen mir die im Titel vorkommen- den lateinischen Worte zu sprechen. Uebrigens sind die la- teinische und französische Uebersetzung auch im Drucke er- schienen. Vgl. Paris, 1. 1. IV, p. 344 ff. und p. 407 f.

Von wirklichen Uebersetzungen aus dem Griechischen findet sich nur eine, nämlich die von Aristoteles' M"ir])(^av'.xa von D. Hurt, de Mendoza, in zwei Manuscripten (Cat. 91 v'^). Merkwürdig würde das folgende Manuscript sein, wenn es noch nicht be- kannt sein sollte:

Disciplina de los varones, libro 1" de los que commun- mente se dicen cn la China los quatro libros. Hb. II etc. traducido por örden de Felipe 2" de la lingua china ä la cas- tellana, por Miguel Rogerio, escr. en pap. häcia fin, d. s, XVI. En 4". G- III -27. (Cat. 51 v«.)

Aus dem Arabischen:

Refranes aräbigos, trad. al cast. por Patricio de la Torre, ä fin. d. s. XVIII. h - IV - 10.

Endlich aus dem Englischen:

Discurso intitulado Junius sobre la declaracion del rey

Die Handschriften der Bibliothek des Escorial. ß9

de Espana y discurso del de Inglaterra, trad. del ingles al cast. escr. ä fin. d. s. XVIII. J - II - 3 - fol. 153. (Cat. 52.) Schliesslich sei erinnert, dass von Uebersetzungen der Bibel, jedoch nur von Theilen derselben , sieben Manuscripte sich finden, drei vom XIV., vier vom XV. Jahrhundert.

Portugiesische Literatur.

Ein Manuscript v. J. 1598 enthält Gedichte verschie- dener Verfasser und grösstentheils in portugiesischer Sprache (G- III -22); ferner findet sich eine Uebersetzung des Sueton und Sallust ins Portugiesische aus dem Anfang des XV. (Cat. 128 vO.)

Englische Literatur.

Gower's Confessio Amantis, Papierhandschrift des XIV. G-H-19. (Cat. 43.)

A. Ebert.

IQ Leiucke

Zur Textkritik und Erklärung der Divina Commedia.

Im ersten Hefte des dritten Bandes (S. 114) des Jahrbuches ist Blanc's im vorigen Jahre erschienener werthvoller Versuch einer philologischen Erklärung dunkler und streitiger Stellen der göttlichen Komödie (1. Heft die Hölle, Ges. I— XVII, Halle, 1860) von Ruth eingehend gewürdigt worden. Nachdem, wie der Herr Referent sehr richtig bemerkt, über den Bestrebungen zum Verstäudniss der herrlichen Dichtung im Ganzen zu gelangen, ihre allegorischen und historischen Beziehimgen zu enträthseln und ihre literarhistorische und ästhetische Bedeutung festzustellen, die Erklärung des Einzelnen in derselben , namentlich die kritische Feststellung der rich- tigen Lesarten luid des Wortsinnes lange Zeit hindurch viel zu sehr vernachlässigt und gerade von. deutschen Forschern in dieser Beziehung auffallend wenig geschehen ist, wird gewiss jeder Frevmd der Literatur das Blanc'sche Buch freudig begrüssen imd mit dem Herrn Referenten übereinstimmen, wenn er dasselbe bahnbrechend für die kritische Behandlung: des Textes der Divina Commedia betrachtet.

Gerade deshalb aber fordern die von Blanc gefun- denen Resultate zur genauesten Prüfung auf, damit durch möglichst vielseitige Betrachtung der nur zu zahlreichen streitigen Stellen im Texte der Divina Commedia verbun- den mit immer wiederholtem Recurs auf die Handschrif- ten die Wahrheit gefunden werde. Die Wichtigkeit des Gegenstandes mag es daher entschiddigen, wenn ich , an ein bereits in diesen Blättern besprochenes Buch wieder anknüpfend, zu den von dem Herrn Referenten vorge- brachten Bedenken gegen einzelne von Blanc's Ausle- gungen hier noch eine kleine Nachlese halte und einige von ihm gar nicht oder nur kurz berührte Punkte zur Sprache bringe.

Zur Textkritik und Erklärung der Divina Commedia. 71

1) II, 56 57 sind wohl die Worte in sua favella für nichts weiter als einen Pleonasmus zu halten, den Trou- badours nachgeahmt bei welchen der Ausdruck me dis en so latt und ähnliche sehr häutig vorkommen.

2) III, 42 alcuna gloria i rei avrehher tVelli. Herr Blanc widmet dieser Stelle eine ausfiihrliche Erörterung (p. 34), lediglich zu dem Zwecke, Monti's und einiger anderen Commentatoren Meinung, wonach alcuna hier ne- gativ zu fassen sei, zu widerlegen. Ich beabsichtige zwar keineswegs, für diese Ansicht euschieden Partei zu er- greifen, wie ich denn überhaupt diese Stelle für eine von denjenigen halte, welche wegen der Unbestimmtheit des Ausdrucks ganz geeignet sind, noch lange ein Gegenstand des Streites zu bleiben. Ich möchte hier nur die Gründe anführen, welche mir stark lür Monti's Ansicht zu spre- chen scheinen, besonders M^enn man zu den von Herrn Blanc in Betracht gezogenen philologischen und psycholo- gischen Momenten noch ein drittes, nämlich das logisch- rhetorische^ hinzunimmt. Betrachten wir letzteres zuerst. Es ist die Rede von denjenigen Engeln, welche im Kampfe der abtrünnigen Engel gegen Gott neutral ge- blieben und deshalb, der göttlichen Gerechtigkeit gemäss, in den limbo versetzt worden sind. Der Himmel, sagt der Dichter, verstösst sie, weil sie seiner Schönheit Ein- trag gethan haben würden, mit anderen Worten, weil sie für den Himmel zu schlecht sind. In dem nun folgenden Grunde, weshalb auch die Hölle sie nicht aufnimmt, er- wartet das natürliche Gefiihl des Lesers den geraden Gegensatz des vorigen zu finden, nämlich: dass sie für die Hölle zu gut sind. Nimmt man nun alcuna in dem gewöhnlichen, positiven Sinne und versteht mit Boccac- cio und den meisten anderen Auslegern, denen sich Herr Blanc entschieden anschliesst: „die Hölle ninnnt sie nicht auf, weil die grossen Verbrecher sonst einigeii Ruhm von ihnen haben, eine Freude darüber empfinden würden, solche Elende ebenso gestraft zu sehen, wie sie selbst", so ist der natürliche Gegensatz gestört, es ist etwas ganz Anderes da- mit gesagt, als der Leser nach dem Vorhergehenden zu erwarten berechtigt war. Dagegen stellt sich der erwartete

72 Lemuke

Sinn sofort heraus, wenn es möglich ist, dem alcuna ne- gative Bedeutung zu vindiciren. Alsdann muss natürlich das Wort gloria im Sinne der Hölle gefasst werden, als welche ihren Ruhm im Bösen sucht, wie der Himmel den seinigen im Guten und die Stelle wäre dann einfach dahin zu verstehen: „die Hölle verwirft sie, weil sie kei- nen Ruhm von ihnen hat, keine Ehre (in ihrem Sinne) mit ihnen einlegt", mit andern Worten: „weil sie für die Hölle nicht schlecht genug sind." Damit ist den Anfor- derungen der Lofjik und Rhetorik vollständig Genüge geleistet, zugleich aber auch der psychologischen Wahrheit. Herrn Blanc's Einwand bezüglich der letzteren, ,,dass der Hölle ein solches selbständiges ürtheil nicht zukom- men könne, weil hier nur die Gerechtigkeit Gottes walte ", erscheint einigermassen punctiliös und auch schon darum nicht stichhaltig, weil der Dichter ja ausdrücklich sagt, „dass die Hölle sie verwirft". Mit diesem Rechte der Verwerfung wird ihr doch auch ein selbständiges Ur- theil beigelegt. Nun aber entsteht die philologische Frage: Kann denn überhaupt alcuna auch negative Be- deutung haben, wie Monti behauptet? Herr Blanc scheint dies entschieden zu bezweifeln, aber, wie ich glaube, mit Unrecht, ganz abgesehen natürlich von der Unpasslich- keit der von Monti angezogenen Beweisstellen. Dass die in Verbindung mit der Negation zur Negirung gebrauch- ten positiven Pronomina und Adverbia eine Neigung ha- ben, auch für sich allein zu negiren^), ist ein gemein- samer Zug der romanischen Sjirachen, wenn er auch in der Schriftsprache nicht immer entschieden hervortritt. Dass jene Pronomina z. B. im Neuprovenzalischen ge- radezu in negativen Sinn übergetreten sind, ist auch von Diez (HI, 407 der neuen Ausgabe) angemerkt worden. Dass die französische Volkssprache sie mit Vorliebe ohne Negation gebraucht (j'ai pas =■ je n'ai pas) ist eine be-

^) Es ist natürlich hier die Rede vom vollständigen Satze; bezüg- lich des unvolktnnd'gen oder elliptischen bedarf der Sache nicht erst der Erwähnnnff.

Zur Textkritik und Erklärung der Divina Commedia. 73

kannte Sache i). Dass dies auch im Italienischen wenig- stens dem Sprachgefühle nicht entgegen ist, beweist ja schon einigermassen das Vorkommen solcher Lesarten wie alcuno für nullo oder niuno, wie in den beiden von Monti citirten Stellen des Convito, wo der negative Sinn ganz klar ist und die späteren Ausgaben das negative Pronomen wohl nur als dem correcten Sprachgebrauche entsprechender substituirt haben. Es dürfte nicht schwer sein, noch andere Beispiele dieses Gebrauches, namentlich aus der älteren Sprache, nachzuweisen. Somit wäre denn auch vom philologischen Gesichtspunkte aus nicht eben viel gegen die Auffassung Monti's einzuwenden. Gewiss war es in diesem Falle nicht, wie Herr Blanc meint, ein Gelüst sich an der Crusca zu reiben, sondern ein durch- , aus natürliches Gefühl, was Monti zu der negativen Auf- fassung von alcuna drängte, und dass er nicht der erste war, welcher die Stelle so verstand, geht daraus hervor, dass der Cod. Stuard. auch hier, wie in der von Herrn Blanc weiter unten citirten Stelle (da freilich entschieden unrichtig) liest: che alcuna gloria non avrebber d'elli, was Herr Blanc zu bemerken vergessen hat.

3) V, 58 59. ElV e Semiramis, di cui si legge^ che sug- ger dette a Nina. Hier nimmt der Herr Referent die von Blanc (p. 57) für Unsinn erklärte Lesart sugger dette für succedette mit Recht in Schutz. Die inneren Gründe fiir dieselbe sind von ihm so vortrefflich und vollständig aus- einander gesetzt worden, dass wohl nichts mehr hinzuzu- fügen sein möchte. Ich will daher hier nur bemerken, was vom Herrn Referenten nicht geschehen ist, dass die Lesart sugger dette wohl jetzt als gesichert zu betrachten sein dürfte, nachdem Bianchi dieselbe in seiner neuesten, unter seinem Namen erschienenen Ausgabe (Firenze, 1857) in den Text aufgenommen hat und zwar auf Grund zweier nicht zu verachtenden handschriftlichen Autoritäten, nämlich eines Codex der Laurenziana, in welcher sich über dem Worte succedette von derselben Hand geschrieben findet: al

'} Zu vergleichen .«ind hier auch spanische Fälle wie: en mi vida hf visto , nif in nieinfni Leben habe ich gesehen.

74 Lenicke

(alias) sugger dette., und eines anderen im Brittischen Mu- seum, welcher suge dette hat und dasselbe in einer latei- nischen Randglosse durch: id est mammas vel ubera de- dit filio, cum quo deinde concubuit, erklärt, alsdann auch die Lesart „succedette" anführt und hinzufügt: sed prior seusus praevaluit. Hinreichende Beweise, dass die Les- art nicht erst, wie Blanc annimmt, aus einer Predigt des 15. Jahrhunderts aufgegriffen ist. Man kann nur wün- schen, das unsinnige succedette von nun an für immer aus dem Texte der Divina Commedia verbannt zu sehen.

4) V, 102. -£"/ modo ancor m^ofende. Zur Unter- stützung der unzweifelhaft richtigen Lesart ojiodo statt mondo wäre noch hinzuzufügen gewesen, v/as Ugo Fos- colo zu ihrer Erklärung sagt.

5) V, 123. E cid sa il tuo dottore. Herr Blanc (p. 59) schliesst sich entschieden denjenigen Commentatoren an, welche vuiter dem dott07'e den Virgil und nicht den Boe- thius verstehen. Seine Gründe sind im wesentlichen die schon von Lombardi vorgebrachten und scheinen mir nichts weniger als überzeugend. In Boethius' Bviche de consol. philos. findet sich eine Stelle, von welcher die Worte, mit denen Francesca die Erzählung ihres Unglücks beginnt, nessun maggior dolore etc., eine so genaue poe- tische Paraphrase sind, wie man sie sich nur irgend wünschen kann. Sie fügt hinzvi: ciö sa il tuo dottore. Wir wissen, wie hoch Dante das Buch des Boethius schätzte, und dass er aus demselben Trost für den Ver- lust Beatricens schöpfte. Und dennoch soll der dottore, dessen Ausspruch Francesca soeben paraphrasirt hat, nicht Boethius sein, sondern der den Dichter begleitende Virgil, und lediglich aus dem Grunde (denn das ist der einzige, einigermassen haltbare Einwand gegen die erstere An- nahme) weil Virgil vom Dichter häufig suo dottore, nie- mals aber ein Anderer so genannt wird. Dagegen lässt sich nun wohl einwenden, dass ein Dichter, zumal ein grosser Dichter und eben weil er dies ist, bei aller son- stigen Genauigkeit und Consequenz, nie so genau Buch über die von ihm gebrauchten Ausdrücke führt, dass er nicht ein Mal einen derselben in einem andern Sinne ge-

Zur Textkritik und Erklärung der Divina Commcdia. 75

brauchte und gebrauchen dürfte, als er zu thun gewohnt ist. Einen Dichter einer so kleinlichen Aufmerksamkeit auf seine Worte für fähig halten, heisst in der Dichtkunst nur Meistersängerei sehen und kann, als Grundlage zur Inter- pretation gerbaucht, gar leicht auf grosse Abwege führen. Zudem verliert der Gebrauch in Francesca's Munde viel von seiner Auffälligkeit. Befremdender wäre es schon, wenn Dante selbst plötzlich einen Andern als den Virgil seinen dottore nannte. Dass er aber diesen allgemeinen Ausdruck der Fraucesca in den Mund legt, wo von einem Andern die Rede ist, kann unmöglich so abnorm erschei- nen. Bei Virgil findet- sich keine, den Gedanken Fran- cesca's auch nur annäherungSAveise ausdrückende Stelle. Aber, meint Lombardi und nach ihm Herr Blanc , Fran- cesca beruft sich auch gar nicht auf ein Citat, sondern auf die Erfahrung „die ja auch Virgil gemacht habe, in- dem er in seiner jetzigen Lage mit Schmerz auf sein früheres glückliches Erdenleben zurückblicke". Wer fühlt nicht das Gezwungene dieser Erklärung? Am aller- unhaltbarsten aber erscheinen mir die folgenden von Blanc vorgebrachten Gründe. Es lasse sich, meint er, schwer annehmen, dass Fraucesca so mit Boethius vertraut ge- wesen sei, um die Stelle zu kenneti, noch weniger aber so vertraut mit den Studien des ihr noch ganz unbekann- ten Dante, um zu wissen, dass er den Boethius gelesen. Blanc vergisst dabei, dass das Buch des Boethius de consol. philos. während des Mittelalters, namentlich der früheren Jahrhunderte desselben, eins der allerb ekanntesten und be- liebtesten Bücher war, die Bekanntschaft mit welchem nicht nur bei jedem nach damaligen Begriflfen wissenschaftlich ge- bildeten Manne stillschweigend vorausgesetzt wurde, son- dern welches auch durch Uebersetzungen schon früh in wei- tere Kreise drang. Zeugniss für seine Popularität bietet ja schon das provenzalische Gedicht, von welchem ein Frag- ment gegenwärtig unter den ältesten romanischen Sprach- denkmälern figurirt, und welches die Schicksale des Ver- fassers zur Einkleidunec hat und wahrscheinlich seinem Buche einen Theil des Inhalts entlehnte! Fraucesca konnte also sehr woiil mit demsclbon bekannt sein, wenn sie

7^ Lemcke

auch, wie der Pater Lombaidi ganz genau weiss, keine „donna di lettere" war. Auch brauchte sie nicht erst den Convito gelesen zu haben oder sonst mit Dante's Studien vertraut zu sein, sondern nur zu vermuthen, dass sie einen Mann der Wissenschaft vor sich habe, um sicher zu sein, dass er den Boethius gelesen, so gut wie Je- mand in unseren Tagen einem ihm sonst unbekannten gebildeten Manne unbedenklich irgend einen bekannten Ausspruch eines alten oder neueren Schriftstellers citiren würde, in der Voraussetzung, dass er ihn verstehe'). Alles dies erwogen, kann man sich der Vermuthung, dass Dante bei den Worten, welche er der Francesca in den Mund legt, die Stelle des Boethius und keine andere vor Augen gehabt hat, unmöglich erwehren. Damit Hesse sich alsdann das tuo dottore, wenn man den Ausdruck durchaus vom Virgil verstehen zu müssen glaubt, nur durch eine Annahme in Einklang bringen, nämlich durch die, vielleicht nicht eben sehr gewagte, dass der Dich- ter die Francesca einen Irrthum begehen und einen Ausspruch des Boethius dem Virgil zuschreiben lässt.

6) VII, 30. Perche tieni e perche burli. Hier scheint Blanc (p. 77) und mehreren anderen Erklärern die wahre Absicht des Dichters entgangen zu sein. Dass burlare im Lombardischen soviel wie rotolare bedeutet, dürfen wir demVellutelloundLombardi wohl glauben. Gerade dadurch aber erhält die Stelle erst ihren feinen Sinn. Offenbar spielt der Dichter hier mit den Worten. Indem die Geizigen und die Verschwender mit den fortgerollten Steinen zusammenstossen und nun die einen (die Ver- schwender) fragen: perche tieni? (warum hältst du mich auf), die anderen (die Geizigen) perche burli (warum rollst du?) werfen sie sich zugleich, in Folge des dop- pelten Sinnes der Worte, gegenseitig ihre Laster vor:

') Wenn Dante dagegen im Convito einmal das Buch des Boethius ein ,,libro non conosciuto da molti" nennt, so will er damit wohl nur sagen, dass es nicht so viel gelesen werde, als es seiner Ansicht nach rerdiente. Dass es übrigens zu seiner Zeit schon etwas aus der Mode gekommen war. soll damit nicht geläugnet werden.

Zur Textkritik iiml Erklärung der Divina Cominedia. 77

„warum hältst du" (dein Geld fest), und: „warum ver- schwendest du das deine?"

7) X, 39. Le tue parole sien conte. Hier möchte ich mit Biagioli und Cesari das Wort conte doch lieber im Sinne von contate^ tiumerate anstatt in dem von mani- feste, chiare nehmen. Weshalb Virgil dem Dante gerade hier Klarheit und Offenheit in seinen Worten empfehlen sollte, lässt sich nur einigermassen gezwungen erklären, während viel leichter ersichtlich ist, weshalb er ihm Kürze empfiehlt. Gewiss würde auch Herr ßlanc (p. 96) sich in diesem Falle nicht, wie gewöhnlich, so entschieden auf die Seite der alten Erklärer gestellt haben, wenn er auf V. 115 geachtet hätte, wo es heisst: e giä '1 maestro mio mi richiamava. Er sprach ihm also schon zu lange.

8) X, 52 54. Die Worte infino al mento dürften doch vielleicht besser so zu verstehen sein: „Cavalcante erhob sich so weit aus dem Sarge, dass er dem Farinata mit dem Kopfe bis ans Kinn reichte." Denn die Grund- bedeutung von lungo ist doch längs und setzt eine paral- lele Stellung voraus, die nicht stattgefunden hätte, wenn er" nur den Kopf bis zum Kinn aus dem Sarge gehoben. Auch lässt sich mit letzterer Annahme Dante's Vermu- thung: che s'era inginocchion levata, nicht so gut in Ein- klang bringen.

Ludwig Lemcke.

78 Meyer

Fragments inedits d'im lapidaire j)rovencal.

Monsieur le Kedacteiir!

Dans le deuxieme volume de votre estimable Recueil (p. 335 357) Mr. le Dr. Sachs publiant d'apres le ma- nuscrit B. I. 7619 ^) quelques extraits du Breviari cVamor^ mentionne en ces termes un fragment provenpal conserve a la Bibl. Imp. ,,Ein unserem Gedichte nahestehendes Fragment in provenpalischer Sprache findet sich im Ma-

1) Maintenant Fonds fran^ais 1601. C'est de ce manuscrit que Mr. Sachs s'est servi pour publier tous les extraits qu'il a donnes du Breviari d'amor et non pas du manuscrit 7227 (maintenant F. fr. 858) comme il le pretend a tort. Je prepare actuellement une edition critique du Breviari d'amor que doit publier la Societe Archeo- logique de Beziers, et j'ai sous les yeux, au moment j'ecris, les quatre manuscrits du Breviari que possede la Bibl. Imp., je suis donc parfaitement sür de ne pas me tromper dans ce que j'avance. Du reste il est bien facile de verifier mon assertion. Dans les fragments qu'a publies Mr. Sachs Va bref est toujours muet ä la fin des vers; les deux Premiers vers publies par Mr. Sachs dans le Jahrbuch (II, 336) peu- vent servir d'exemple:

Si tot la terra per natura Es laia pezans e escurn. (fol. 14 r" col. II). Or Mr. K. Bartsch a deja remarque {Lesebuch, Anmerk. zu 151, 36) que dans tous les manuscrits du Breviari, sauf le 7619, Va final compte pour une syllabe, et en effet ces deux vers sont dans le manuscrit fr. 857 (ancien 7226 3.3), le meilleur des quatre que possede la Bibl. Imp.:

Si tot terra per natura

Es laia pezans escura. (fol. 39 v^ col. I).

Ce n''. 1601 est des onze manuscrits connus du Breviari le seul qui porte de nombreuses traces du dialecte catalan. Je remarque en passant que le texte donne par Mr. Sachs contient plusieurs fautes de lecture; V. 6414 elemens, lisez: helemens; 6417 er, 1. es; 6421 ajoutez e au commencement du vers; 6428 jet , 1. ret; 6433 sertament, 1. certament; 6437 Mr. Sachs imprime dona poder et ecrit en note „Besser M. Brit. : non a", mais c'est aussi la le^on du manuscrit de Paris; Mr. Sachs a pris TN majusc. pour un D; 6439 garda caval de s'envigar, 1. d'eservigar; manuscrit 857 (ancien 7227 3.3): d'isser- vegar , la ICQon du manuscrit 858 (ancien 7227) que Mr. Sachs pretend avoir suivi, est tres corrompue: Garda quaval d'esser iier ne ihar\ etc.

Fragments iuedits d'ini lapidaire proven^al. 79

nuscript Supplement franpais 98.19^ klein 4*^, vier sehr zerrissene Papierblätter, beginnend: e so las VII prin- cipals segon las VII planetas. Der unbekannte Autor spricht von den folgenden Steinen: largonci (/. jargonci), sergons (Z. jergons), Jaspis vert (l. vertz), cornelina, gagates, dyadeto, saphiers, calcedoynes, maragdes, orites, negres Q. orites negres sans virgule), hyene, anio (/. unio), ab- situs, calcofons, melachites (l. melochites), cedolitus (/. ce- colitus), perites."

Permettez-moi , Monsieur le Redacteur, de rectifier et de completer tout ä la fois la notice de Mr. le Dr. Sachs. Ce fragment se compose bien en effet de quatre feuillets rognes de quelques centiraetres par le haut et sur Tun des cötes, et il est en parchemin et non en papier. Chaque feuillet est a deux colonnes, soit en tout seize colonnes, et de ce que je viens de dire il re- sulte que les premieres lignes de chacune d'elles nous manquent, et qu'une partie de la deuxieme colonne du recto de chaque feuillet, ainsi que de la premiere du verso, a ete enlevee. De plus le v^ du deuxieme feuillet est tres tache.

Mr. Sachs sera peut-etre etonne d'apprendre que ce texte provenpal est Tun des premiers qui aient ete signales a l'attention^du monde savant, mais, il y a soixante ans de cela, et alors on se souciait peu du moyen-äge en general et du provenpal en particulier; il n'est donc point eton- nant que notre fragment ait ete oublie depuis Fan VII, epoque a laquelle La Porte du Theil le fit connaitre par une notice inseree au tome V des Notices et e.rtraits des Manuscrits (p. 689—708). Ces quatre feuillets servaient alors de garde au manuscrit latin 3934 - A; depuis ils en ont ete detaches et relies ä part.

La Porte du Theil, croyant reconnaltre qu'une por- tion de ce texte etait assujettie „a une espece de me- sure poetique, et meme a une sorte de rimes cntrelacees", exprime d'abord cette opinion que le fragment pourrait bien appartcnir a un pocme sur la vertu des pierres pre- cieuses de TOrieut dont un certain Petrus de Bonifaciis aurait ete l'auteur au dire de Jean de Nostredame; il

30 - Meyer

part de Iti pour reconstituer autant que possible Fhistoire de ce troubadour, en se servant de Jean de Nostredame et d'un „memoire manuscrit curievix en son genre et qui m'a passe sous les yeux, dit-il, memoire qui evidemment n'avoit pu etre dresse que d'apres les pieces les plus authentiques " (p. 093); malheureusement il ne dit pas il s'est procure ce „memoire manuscrit".

Bien evidemment La Porte du Tlieil voulait trouver un placement pour ses recherches sur Pierre des Bonifaces, car il a bien vu que ce troubadour, mort vers 1384, ne pou- vait etre l'auteur d'un ouvrage qu'il convient de rapporter, d'apres La Porte du Theillui-meme, au plus tard au XIII® siecle. „Des lors, ajoute-t-il, que Ton düt ou non recon- naitre ici un rhythme poetique, on ne pourrait y chercher un fragment du poeme attribue ä notre troubadour." Le fait est que ce fragment est en prose, en vile prose, et qu'on n'y saurait reconnaitre rien qui ressemble a un „rhythme poetique". C'est ce qui resultera des morceaux que je vais en citer. Mais d'abord il faut dire que ces quatre feuillets contiennent, autant qu'il me semble, deux fragments appartenant a deux ouvrages diflferents quoique traitant de matieres analogues. L'ecriture, partout la raeme, semble ajDpartenir a la premiere moitie du XIV® siecle et comme ces quatre feuillets sont composes de deux feuillets doubles places Tun dans l'autre, il est indubi- table qu'ils ont toujours fait partie du meme quaternio^ mais il parait manquer une ou plusieurs feuilles inter- mediaires. Les deux premiers feuillets contiennent un cer- tain nombre de recettes dont je ne saurais dire la'source, mais qui se rencontrent aiUeurs encore que dans ce ms. Voici la transcription de la premiere colonne de ce texte:

E so las vij- principals segon las -vij- planetas, so es assaber le solelhs, la luna, Mars, Mercuris, Jupiter, Venus, Saturnus; e so ne -hij- principals segon les -iiij- elemens, so es assaber: le foctz, aer, ayga, terra.

Sal sacerdotalis de la quäl uzavan li preveire el temps d'Elias le propheta per la dolor del cap e per la oscursitad dels olhs e per la dolor de les dens e per la flegma del cap e de l'estomach , quant toissia e per

Fragments iiiedit* d'un lapidaire pröven^al. 31

emendamen de Tale e per redre bona odor e per mielh digerir pren de la sal comunal nncias xvj scina- momi uncias •inj'?'', cumini uncias -nj-, gingiberis, amoni, aneti, piperis, sileris, satnrege, hysdjai, origani, jdu- legii, ouinium viiij ana dragmas v , omnia in pulvereni redige et in omni cibo utere; ad ultimnm ponatur de pulvere eufrasie quantum de omnibus aliis et de semine feniculi et rut ... a 7-ij').

Pren les ous del com -ix- dias avan las kalendas d"Abril e cois les en Taiga entro que sian diir, e quant o auras fach, torna les el ni don les presist en las kalen- das d'Abril qiü son a- venir. E quan le coru volra les ous cobar, sentira los durs- e cridara e fugira s'en volan e aportara »-i- peira resplanden ab roja color e tendra (?) ne totz les ous, e li ou coch se tornaran tuch cru e tu aias tan fach, enginhat e procurat e . . . . at que tu conoscas on pausara aquela peira, e quan s'en sera vo- latz, tu poia lassus al ni e pren aquela peira e tuch li ou cohc (sie) se tornaran cru per lo tocamen d'aquela peira; es acreis riquesas e la favor e la gracia de tot pöble e fai entendre las votz dels coruz e manhtas cau- sas que son aveiiir, etc.

Les deux derniers feuillets contiennent la traduction d'une partie du liber de gemmis de Marbode (f 1123)^); cette traduction est comme ce qui precede, en prose, ce qui me fait croire qu'elle n'est pas anterieure a la fin du X1II° siecle^). Les traductions en vers etaient si fort ä la mode auxXII* et XIII^ siecles qu'on traduisait ainsi meme des ouvrages en prose. Un grand nombre de vies de

') Cette recette existe dans un graud nombre de mss., la voici en latin d'apres un ms. de Turin (K V 13): Sal sacerdotale quo ute- bantur sacerdotes in tempore Hclie prophete dolorem capitis et caligi- nem oculorum et dentium dolorem, flegma capitis et stomachi, thiissis et hanelitus emendat, os odoratum reddit et corpus in colume(n) ser- vat -K- Salus communis 7 -xvj-, cinamoni 7 -iiiJ-, ciiminus ) -iij-, 53-, amoni, piperis, sileris, satureie, ysopi origanus pulegus, omnium -ix* 'i -i- Quo omnia tere et in pulverem redige.

-) Publie en dernier lieu par Beaugendre Si la suite des opuvres d'Hildebert. Paris 1708, in fol.

■') II y a meme un fait qui sembb'rait iiidii|uer que ce texte est Jnlirlj. i. rc)in. u. ciij;!. Lit. IV. 1. ß

82 ^^eyer

saints, Ic roman de Barlaam et Josaphat, les Psaumes trabord et ensuite la Bible entiere ont t'tc mis en riines, et le lapidaire memo de Marbode est, dans Tedition de Beau- gendre, accompagnc d'une ancienne traduction en vers octosyllabiques. Les parties du liher lapichim traduitcs dans notre fragment sont les suivantes, je donne les n°^ des chapitres d'apres Beaugendre:

Le Prologue, les chapitres I (De Adamante), II (De Achate)^ III (de AUectorio), XXX (De ClerarcJdte^)^ IV (de Jaspide)^ V (De Saphiro)^ VI (De Calcedonio)^

VII (de Smaragdo), XLIII (De Orite'^J, XLIIIl (De Iliena), XLV (De Lyparea)^ XLVI (de Etiidro)^

XLVII (De Tri), XL VIII (De Androdragma) , XLIX (De Optallio)^ L (De Margaritis)^ LI (De Panthero), LII (De Absicto), LIII (De Calcofano),

LIV (De Melochita), LV (De Gegolito), LVI (De Pyrite).

Pour donner une idee de cette traduction, je vais en transcrire le commencement qui est si efface que sans le secours du texte latin on ne pourrait gueres le de- chiffrer, et la fin:

Evax (?) reis dels Arabiis escrious aquest libre a Nero eniperayre (sie) de Roma qui apres August fo reis segous in (?) la ciovitat de Roma. Quantas semblansas de peyras, quals noras, quals colors, quals regios, quals po- ders sia donatz a cadauna, ay volgut descarpir es aor- denar en la plus breu forma qu'ieu ay pogut; jasiaiso

le manuscrit original d'une traduction de Marbode, c'est que presque partout, sauf au commencement, on parait s'etre attache a traduire chaque vers du liber lapidum par uner ligne; mais il serait possible que cette disposition eüt existe deja dans un manuscrit anterieur.

1) On voit que ce chapitre n'occupe pas dans la traduction pro- ven<;ale la meme place que dans l'edition de Beaugendre, mais celui-ci avertit en note (col. 1641 et 1661) que l'edition d' A. Gorlajus place le chap. de Gerarchite entre ceux qui traitent de Allectorio et de Jasjnde.

-) II n'y a point ici de lacune, les chapitres de maragde et de Orite se trouvant a la suita Tun de l'autre sur le verso du quatrieme feuillet, il faut donc croire que I'ordre des chapitres n'etait pas le meme dans le manuscrit qui a servi h cette traduction que dans les editions.

Fragments inedits d'un lapidaire provcngal. §3

(ja si'aiso) que a paucz de mos amicz ^) o agues fach as- saber, aquest sanch compte ay volgut sanlitamen mani- festar a lor qui engardan los secretz de Dieu honoren, aisi cos tanli aquestas sanhtas paraulas es aquest sanhs secretz aquili^) que so de sen madur e de honesta vita, quar nos as aquels volem manifestar las forsas de las peyras qui an estat rescostas e que ili conescan tan no- bla causa e que a tart la mostro quar li metge discret s'amdo en lor cura ab aquestas es encausso soven per Tamda d'aquestas las malautias; es aquestas, qui non las conois, quant o a vist es manifest, e si tot li mege s'en aiudo no rema que no valhen en totas causas, quar lor vertut lor fo donada per volontat de Dieu

Fin:

Fol. IV ^», col. n, Vener. Hild. op. col. 1673. E cove c'om la veia avant de solelh levant que le venceire posca esser et issir aparelhatz, quar aquel dia negus hom no lo porra vencer, e cuiara que sia pantera de diversa color, la quäl pantera India engendra, ä la votz de laqual li leo s'en fuio de paor e tota bestia tremola et aquesta peira es per aquo

aisi apelada.

Absitus es peira de negra color entremesclada de roias venas ab agradabla semblansa , e es del gran d\ui equat e de maier pes, e si una vegada de long sia calfada al foc ela te pois sa calor per -vij- dias.

') Le texte porte:

Hiinc tribus, ut multiim, dandiim sancimus amicis Qui numerus sacer est . . .

Lc tradueteur en rendant triöiis parjMucz a rendu inintelligibles les mots aquest sanch compte; du reste, pour peu que Ton compare l'ori- ginal a la traduction on s'apercevra que celle-ci est tres defectueuse.

^ Dans aquili comme plus bas dans ili Vi final a sans doute pour objet de mottiller la lettre l, aquili, ili seraient donc cquivalents de aquilh , ilh. Cette conservation etymologique de la voyelle finale pour- rait bien ctre un caractere du dialocte, car plus ioiii nuns rencontre- rons nogalho, pour nogalh.

6*

84 Meyer Fragments inedits d'un lapidaire proveiKjal.

Calcofons tocada a la cara Si leveremen ab caste cors sia portada ela dona as aquel qui la porta dos tant de votz, e que ja no rouquitgera^); e es de negra color.

Melochites per sa vertut deffent c garda, quant es pauzada el bretz de reflfan, que neguua mala aventura 110 posca venir a l'effan ni si membre no poden esser tocat de neguna mala re, es es bela peira e vertuosa, e gressus^) verdejans es semblans a Smaragde. Ell Arabia trobero aquesta premieramen.

Cecolitus es semblans al nogallio de la oliva, E es lacliz per regardar e preeios per forsa de natura, quar quant es soutz en aiga e pres per aquel a cui a

mestier ela fa solver las peiras en la colha^) e purga l'arena de la vezica as aquel qui s'en dol

Perites es de flava color e no vol estre mes e foc . . .

Le reste manque.

') Et ne raucescant liquidas deffendere fauces. Lib. de gem. col. 1(573.

-) Praxum quippe virens similis solet esse Smaragdo. Lib. de gem. col. 1G75. Au lieu de praxum deux manucrits portent Crassiim dont se rapproche davantage la traduction proveiKjale.

*) Dicitur esse potens lapidosos solvere renes. Ibid.

Paris, Octobre 1861.

Paul Meyer.

Kritische Anzeigen: Sandras, Etüde sur G. Cliaucer. §5

Kritische Anzeigen.

Etüde sur G. Chaucer considere comme imitateur des trouveres, par E. G. Sandras. Paris, Durand. 1S59. 298 p. 8«.

Der Schwerpunkt dieser interessanten „Studie" über den Vater der englischen Dichtung, der noch immer einer voll- kommenen , allseitigen und durchaus begründeten , literarhisto- rischen Würdigung ermangelt, ruht in der Untersuchung der Quellen seiner kleineren, allegorischen Dichtungen, in der Erforschung des Einflusses, welchen die zeitgenössischen fran- zösischen Dichter auf seine künstlerische Thätigkeit ausgeübt haben. Auf diesem bisher sehr vernachlässigten Gebiet der weiten und mannichfaltigen Kunstschöpfung Chaucer's ist es dem Verfasser gelungen manche neue Entdeckungen zu machen, die namentlich durch die Fernsichten, welche sie eröffnen, von nicht geringem literargeschichtlichem Interesse sind. So rechtfertigt oder erklärt sich auch der Zusatz des Titels. Schon ein Blick auf das Inhaltsverzeichniss nämlich zeist, dass der Verfasser auf jenes Gebiet sich keineswegs beschränkt, vielmehr die gesammte poetische Production Chaucer's in Be- trachtung gezogen hat, also auch diejenigen Gedichte wo Chaucer zwar den Stoff" aus französischer Quelle schöpfte, ohne doch darum nachzuahmen, seine Quelle auch nicht ein „trouvere" d. h. ein französischer Kunsfdichter war. sowie nicht minder diejenigen wo Frankreich weder das Material noch das Vorbild geliefert. Freilich scheint der Verfasser niclit bloss den Begriff" des ., imitateur" wie des ,. trouvere" etwas weit zu fassen , sondern auch aus patriotisclier Gesin- nung, die aber in der weltbürgerlichen Wissenschaft nimmer am Platze ist, dem Bereiche des französischen Einflusses, so gross derselbe auch in Wahrheit schon ist, mehr als sich ge- hört zu vindiciren. Wir werden hierauf im Einzelnen zurück- kommen. Denn wir wollen den Verfasser durch seine ganze Schrift von Beginn au begleiten, hier länger, dort kürzer ver- weilend, um die bemerkenswerthesten Resultate seiner Beob- achtungen und Forschungen in aller Kürze aufzuweisen, unsere Bedenken und Einwendungen einzuschalten, und einen oder den andern eigenen Excurs hinzuzufügen. Denn bei einer

Kritische Anzeigen :

Studie " und einer von verhültnissmässig so geringem Um- fange, lässt sich von vornherein eine erschöpfende Behandlung des Gegenstandes gar nicht erwarten: der Verfasser berührt meist mehr und deutet nur an, als dass er umfassend aus- führte oder vollkommen begründete; anderes beabsichtigt er auch nicht, am wenigsten da wo er auf seine Vorgänger sich zu beziehen hat; aber, obschon wir die Kürze und Skizzen- haftigkeit der Behandlung an solchen Stellen, wo der Ver- fasser neue Forschungen oder Ansichten bietet, bedauern, müssen wir doch bezeugen, dass seine Urtheile in der Regel auf einem gründlichen Studium der Werke Chaucer's selbst beruhen und seine wohlgeordnete, präcise Darstellung nicht bloss eine gute Uebersicht, sondern überall auch eine mannich- fache Anregung zu weitern Untersuchungen gewährt.

Der Betrachtung seiner Werke schickt der Verfasser mit Recht die Biographie des Dichters voraus. Man weiss wie gering da die Zahl der beglaubigten Thatsachen ist: und mit Recht hat auch unser Verfasser alles bloss Hypothetische und Sagenhafte fern gehalten. Doch genügt auch das Wenige, das wir sicher wissen, unseres Bedünkens, vollkommen um in Verein mit seinen Werken das Bild des grossen Dichters uns in festen Umrissen so zu vergegenwärtigen , dass der innere Zusammenhang der oft contrastirenden Züge seiner Dichtungen sich daraus erkennen lässt und erklärt. Als das wichtigste Moment erscheint uns hier, dass Chaucer's Lebens- stellung von Haus aus keine exclusive war, nicht gebannt in die Schranken eines bestimmten Standes, und dass das Glück die volle Entfaltung seiner reichen Individualität in ihrem Streben nach freister Entwickelung begünstigte. So gehörte Chaucer weder dem Adel, noch dem Bürgerthum allein an; ein Gelehrter seiner Zeit im vollsten Sinne des Worts, trat er doch auch nicht in den geistlichen Stand ein; zum Juristen gebildet, warf er die Feder weg und griff zu dem Degen, die männliche Thatkraft zu erproben; in die höchsten Hof- kreise gezogen , ganz im Besitze der ihnen eigenthümlichen Bildung, ja diese selber als Dichter pflegend, liess er sich doch dort keineswegs fesseln; auf einer politischen Sendung zieht er nach Italien , um an der Quelle selbst diese neue literarische Kultur kennen zu lernen , welche die Poesie der Welt verjüngen sollte eine Bekanntschaft von unberechen- barer und bei weitem noch nicht genug geschätzter Wichtigkeit

Sandras , Etüde .siir ü. Chauccr. ^7

für seine poetische Entwickelung ^); während der Verkehr mit fremden Nationen denn auch in Frankreich und den Nieder- landen verweilte er länger seiner Bildung überhaupt einen universelleren Chai-akter verleiht, bringt ihn andererseits später seine politische Stellung im Vaterlande als Parlamentsmitglied, sein Amt als Zollinspector in die innigste Beziehung und in den regsten Verkehr mit seinem Volke. Fassen wir nur diese Momente aus Chaucer's Leben ins Auge : so nimmt es uns nicht mehr Wunder, in ihm einerseits den mit Gelehrsamkeit wohl ausgerüsteten ritterlichen Hofdichter und andererseits den bürgerlich volksthümlichen, praktische Lebensweisheit so gern verkündenden Sänger zu finden; nicht selten in jener Eigen- schaft einem wahrhaft abstracten Idealismus, in dieser dem derbsten Naturalismus huldigend: diese verschiedenen Elemente durchkreuzen sich auch oft in seinen Dichtungen in wunder- licher Weise, nicht selten verfällt er unwillkürlich aus dem ideal gehobenen und zugleich vornehmen Ton in den realistisch niedrigen, prosaisch bürgerlichen, ebenso wie die ganze Treu- herzigkeit und naive Ursprünglichkeit des sächsischen Sprach- elements mit dem unter künstlerischen, gelehrten und höfischen Händen bereits feingeschliflfenen und polirten romanischen in seinem Ausdruck sich beständig mischt; andererseits ruht in jener Doppelnatur des Dichters aber auch jener ironische Zug, einer der reizendsten und eigenthümlichsten seines poetischen Charakters! Nur in seinem bedeutendsten und zugleich im Grossen und Ganzen acht oi-iginellen Werke, einem der schön- sten poetischen Denkmäler aller Zeiten, sind jene disparaten Elemente zu einer höliern Einheit verbunden , welche denn gewissermassen als das Resultat seiner ganzen Lebens- und Kunstbildung zu betrachten ist. Jenes Werk, wahrhaft aus dem Kerne der Nationalität des Dichters entsprossen, erhebt sich doch weit über seine Nation zu jener Zeit, ja es ragt überhaupt aus dem Luftkreis der mittelalterlichen Dichtung empor, eine höhere Kunststufe ankündigend gleich den Werken der grossen italienischen Zeitgenossen. Diesen selbst verdankt

') rauli in seinen Bildern aus Altcngland p. 195 ff. macht eine rühmliche Ausnahme: nur ist er im Irrthumc wenn er Chaucer's sie- benzeilige Strophe von der Ottave ableitet, und zwar als eigene Schöpfung des englischen Dichters ; die altfranzösische Lyrik besitzt die Strophe schon (ein Beispiel gibt auch Herr Sandras p. 288).

33 Kiili&clu' An/eigen :

Chaucer seine höhere künstlerische Ausbildung, und mit und in ihr zugleich die volle Entfaltung seiner dichterischen Indivi- dualität: während er bei den nüttelalterlichen französischen Diclitern, seinen Zeitgenossen, nur seine Schule machte, aus deren Schranken ihn erst das Vorljild der italienischen Dich- tung befreit.

Der Verfasser deutet diesen Entwickelungsgang des poeti- schen Genies Chaucer's nicht an, wie er denn des grossen ästhetischen Unterschieds der Dichtung eines Boccaccio und eines Guillaume de Lorris sich nicht durchaus bewusst zu sein scheint: da es ihm gerade auf die Beziehung Chaucer's zu der fran- zösischen Dichtung ankommt, so fasst er vornehmlich und zunächst die Stoffe seiner Werke ins Auge, indem er die Quellen aufzuweisen sucht, woraus Chaucer sie schöpfte, denn diese Stoflfquellen sind allerdings vorwiegend französische. Er hebt im zweiten Kapitel mit dem Roman von der Rose an, dessen theilweise üebei'setzung sicher zu den frühesten Ver- suchen der Chaucer'schen Muse gehört, eine Ansicht die auch Pauli theilt (Bilder aus Altengl. S. 194). Die Entstehung des allegorischen Geschmacks, der Charakter des merkwürdigen, literai'historisch so äusserst wichtigen Werkes, sowie das Ver- hältniss der Uebersetzung zu dem Original wird in aller Kürze, doch treffend gezeichnet. Mit Recht tritt der Verfasser gegen die namentlich von Warton vertretene Ansicht, die nur eine Nationaleitelkeit eingegeben haben konnte, auf, als habe die Uebersetzung sich über das Original erhoben oder dasselbe verbessert. Im Allgemeinen ist die Uebersetzung vielmehr bewundernswerth geti-eu, und in der That vortrefflich, da sie trotz ihrer Treue wie ein Original sich liest. Man weiss, dass das über 22,000 Verse umfassende französische Werk nur bis zum Vers 13,105 von Chaucer übersetzt worden ist; der Guillaume de Lorris angehörige Theil, der ebenso sehr im Geiste des Ritterthums als der andere, von Jean de Meun verfasste, in dem des Büi'gerthums gedichtet ist, enthält nun 4068 Verse, diesen entsprechen bei Chaucer 4432; die 0O37 Verse umfassende Partie Jean de Meuu's dagegen ist von Chaucer in 3267 Versen wiedergegeben: während andere 9000 Verse desselben französischen Dichters, der Rest des Romans, ganz unbei-ücksichtigt blieben. Diese kleine Statistik, die wir selbst aufstellten, ist lehrreich genug und verdiente eine wei- tere Ausführung, die uns im Augenblick nicht möglich ist.

Sandras, Etüde siir G. Chauccr. 39

Es kiime uämlich darauf an nachzuweisen . welche Partien der zweiten Abtheilung Chaucer weggelassen, welche davon er verkürzt, welche er erweitert hat. Uns ist wenigstens keine in dieses Detail eingehende Untersuchung der Üebersetzung bekannt: und doch könnte sie von vielfachem Interesse werden. Mail sieht indessen schon aus dem von uns Gegebenen, welchen ganz andern Reiz die rtttcrUche Allegorie, die Allegorie der Minne könnte man sagen, für Chaucer hatte, als die satirisch- didactische, und trotzdem dass er eine so reiche satirische Ader besass und eine solche Neigung zum Lehren. Aber nur Guillaume's Schöpfung ist in jenen Schmelz der Poesie ge- kleidet, der den an sich.raarmorkalten allegorischen Gestalten ein fast individuelles Leben in wahrhaft bewundernswerther Weise verleiht, wie Statuen in den Gebüschen eines blühen- den Gartens unter einem südlichen Himmel die sie umgebende Natur belebt, denn die landschaftlichen Schilderungen Guillau- me's sind Meisterstücke von reizender Naturwahrheit : während seinem Fortsetzer dagegen bei allem Reichthum der Ideen, der Zauber poetischer Darstellung mangelt. Es ist auch ein Zeug- niss für den dichterischen Genius Chaucer's, dass er wol jenen, aber nicht diesen sich zum Vorbild nahm, und trotz der be- sondern Vorliebe seiner Nation für die satirische Allegorie, wie sie dieselbe schon damals und weit mehr noch später be- kundete. Wie gross aber der Einfluss Guillaume's von Lorris auf Chaucer gewesen, bezeugen allein schon die vielen Remi- niscenzen aus seiner Dichtung, die sich in den verschiedensten Werken Chaucer's vorfinden, wie namentlich Herr Sandras hier nachgewiesen hat.

Im dritten Kapitel betrachtet der Verfasser die Gedichte, die seiner Ansicht nach aus italienischer und französischer Quelle zugleich entsprangen {poemes de source italienne et frangaise). Troiliis and Creselde eröffnet die Reihe. Dieses aus dem Filostrato des Boccaccio, obschon mit Aenderungen und Zusätzen, übertragene Gedicht wird deshalb vom Verfasser hierher gerechnet, weil in Benoit's von Ste More Dichtung vom Trojanischen Krieg zuerst diese romantische Liebe des Sohnes des Priamus zu der Tochter des Calchas erzählt wird, von welchem Handel Dictys und Dares, im übrigen bekanntlich Benoit's Quelle, noch nichts berichten. Deshalb, meint der Verfasser, sei Benoit auch der Erfinder der Fabel und also indirect wenigstens Chaucer's Quelle. Ausserdem triftt Chaucer

90 Kritische Anzeigen-.

auch worauf der Verfasser selbst indess gar nicht auf- merksam macht an einigen Stellen, wo er in der Anord- nung der ITandhmg von dem Filostrato abweicht, offenbar mit Benoit zusammen. Dies zeigen nämlich ein paar von den schon an und für sicli sehr interessanten Auszügen aus dem noch unedirten Werke Benoit's, die der Verfasser, in der Absicht das letztere überhaupt zu charakterisiren, am Schlüsse unter den Pieces justificatives mittheilt '). Nun weiss man aber, dass Guido de Colonna (1287) als Erster nach Benoit, jene Liebesgeschichte und in ganz denselben Zügen als dieser be- handelt hat. Der Verfasser ist allerdings kurz damit fertig, Guido zum Nachahmer Benoit's zu machen. Aber unser ge- ehrter Mitarbeiter, Herr Pey hat in diesem Jahrbuche, Bd. I, p. 228, bei Gelegenheit einer Kritik der Einleitung zu den Nouvelles franyaises du XIV*' siecle, publ. p. Moland et d'Heri- cault (in welcher Einleitung die Geschichte dieser Fabel ge- geben wird, da eine der Novellen eine Uebersetzung des Filo- strato ist), den wichtigen Beweis geliefert, dass Guido das heute verlorene Original des Dares vor Augen gehabt und dass dasselbe, weit ausführlicher als die lateinische Ueber- tragung des Cornelius, aller Wahrscheinlichkeit nach auch jene Liebesgeschichte enthalten hat: wohingegen, fügen wir hinzu, eine Erfindung dieser Fabel von Seiten Benoit's, bei der Art wie sie seinem W^erke eingewebt ■■^) ist, im höchsten Grade unwahrscheinlich ist. Ob aber die Stellen, wo Chaucer vom

J) Bei Chaucer (V, v. 113 ff.) macht Diomedes wie bei Benoit seine Liebeserklärung der Chryseis unterwegs, während er sie von Troja zum griechischen Lager geleitet, alsbald nachdem sie von Troilus Ab- schied genommen hat. Boccaccio mochte das, zumal Diomedes schliess- lich Erhörung findet, für unschicklich halten; bei ihm eröfi'net erst am vierten Tage nach ihrer Ankunft im Lager (Fil. VI, 9) Diomedes bei einem Besuche Chryseis sein Herz. Der Herr Verfasser hat, wie gesagt, sich nicht bemüht dies festzustellen, obwohl er selbst das Ma- terial dazu liefert.

2) Der von Benoit selbst seinem Werke vorausgeschickte Inhalt, nicht weniger als 545 Verse, ist, ausser vielen andern Auszügen, von Frommann in seinem Aufsatze: Herbort v. Fritzlar und Benoit de Ste More, in der Germania II, p. 53 ff. mitgetheilt. Dort mag man sehen, wie sich diese Liebesgeschichte durch die' lange Dichtung hinzieht, hier verschwindet, dort wieder auftaucht, weder Hauptfabel, noch eine ein- zelne Episode ist: wäre eins von diesen beiden der Fall, so wäre, wenn man von allem Andern absähe, eher Benoit als Erfinder denkbar.

Sandras, Etiide sur G. Chaucer. 91

Filostvato abweichend, mit Benoit, wie wir salien, zusammen- trifft, sich auch bei Guido vorfinden, vermag ich nicht zu sagen, da mir leider sein Werk hier nicht zur Hand ist; der Verfasser aber lässt das ganze Verhältniss überhaupt völlig im Dunkeln, indem er darauf sich beschränkt zu bemerken: Le poete anglais, outre le texte Italien, a eu sous les yeux, sinon Benoit de Sainte-Maure, certainement Guido auquel il emprunte des de- tails negliges par Boccace. Man sieht, der Verfasser ist hier wenig gründlich verfahren und hat es sich etwas zu bequem gemacht; wie er denn auch von jener ,, Einleitung" der Herren Moland und d'Hericault gar keine Notiz genommen hat. Und doch musste es ihm gerade darauf ankommen, die source fran- gaise hier zu rechtfertigen. Ueber die Chaucer selbst eigen- thümlichen Zusätze, d, h. die ganz sicher seiner eigenen Er- findung, welche einen gar nicht geringen Raum bei ihm ein- nehmen, gibt der Verfasser noch weniger genauere Auskunft, wenn auch die andeutungsweise von ihm ausgeführte, und in ihren Resultaten nicht unrichtige Vergleichung der beiden Ge- dichte, des Filostrato und des Troilus, die Bedeutung jener Zusätze ahnen lässt. ' Obwol ich selbst beide Gedichte zu einem grossen Theile selbst genau verglichen habe, kann es um so weniger meine Absicht sein, diese Lücke hier ausfüllen zu wollen, dies als vielleicht schon von anderer Seite früher geschehen ist, z. B. von Douce, dessen Arbeit mir hier nicht zu Gebot steht. Nur über das Wesen und die Bedeutung jener Zusätze will ich kurz was ich beobachtete mittheilen. Sie be- stehen, find' ich, in der Regel in Erweiterungen oder Excursen der Reden, die im Original schon einen so grossen Raum ein- nehmen, und zwar treffen- sie zumeist die Rolle des Pandarus; ferner sind sie es gerade und nicht die aus andern Quellen entlehnten Zusätze, w^elche die Charaktere verändern, sodass eben deshalb diese Aenderung in der That Chaucer eigen- thüralich zugehört: es ist dies ganz natürlich, da die „Rede" am eindringlichsten charakterisirt ; hiernach ist es ferner schon leicht begreiflich, dass der Charakter des Pandarus die {/rössie Aenderung erfahren konnte. Die andern Hauptcharaktere sind bei Chaucer wohl modificirt, der des Pandarus aber ganz um- gewandelt, und diese Umwandlung ist es eben, welche vor- zugsweise dem Gedicht Chaucer's, obschon es zum grösseren Theil eine fast wörtliche Uebersetzung ist, doch überall eine ganz andere Färbung, einen andern Totalausdruck gibt. Dass

92 Kritisclii' Anzeigen:

auch Auslassungen, sowie kleine Aenderungcn in üev Erzä/ilanj, tlieils auch selbst erfunden, theils aber entlehnt, zu der ange- zeigten Umwandlung der ]3ic]itung mitgewirkt haben, wenn auch in viel geringerm Grade, soll nicht geleugnet werden. Die Hauptsache aber bleiben jene Einschaltungen in den Reden und von Reden. Aber indem Chaucer nach solchen Einschal- tungen mit einer fast wörtlichen Uebersetzung fortfährt denn mit den erwähnten Auslassungen sowie Aenderungen wird von ihm ganz und gar nicht systematisch, sondern durchaus willkürlich verfahren entstehen, wie sich leicht denken lässt, die sonderbarsten Widersprüche in den Reden selbst, und noch mehr in den Charakteren. So bleibt Pandarus, obwohl vom Vetter zum Onkel der Chryseis geworden, obwohl aus dem innig- sten Jugendfreunde, der bei ruhigerem Temperament eine kleine Erfahrung im Leben und in der Liebe vor dem lange Zeit so spröden Troilus voraus hat, nunmehr ein prosaischer, in Sprich- ■wörtern und Gleichnissen unerschöpflich docirender, humori- stisch polternder und im Vollgefühl seiner Ueberlegenheit neckender Mentor des Troilus nichts desto weniger ein un- glücklicher, schmachtender Liebhaber, wie bei Boccaccio! Ist schon die Rolle des Kupplers, wie er sie bei letzterem spielt, keine würdige, die nur in der innigen Freundschaft und der eigenen Jugendlichkeit eine Entschuldigung findet, so muss sie bei Chaucer's Pandar einen geradezu widerwärtigen Eindruck machen. Derselbe wird nur dadurch gemildert, dass diese von Chaucer so umgestaltete Figur zu dem Träger der Ironie des Dichters der phantastischen Liebe des Ritterthums gegen- über wird, der originellste, durchgreifendste und bedeutendste Zug in seinem Werke. Der Pandarus Chaucer's steht in seiner Art dem Troilus gegenüber wie Sancho Pansa dem Don Quijote und merkwürdig, obschon leicht erklärlich, theilt er mit jenem auch die Leidenschaft der Anführung von SprichAvörtern ! ^) Um wenigstens an Einem Beispiel jene Ironie, und damit den grossen Unterschied beider Gedichte zu veranschaulichen, erin- nere ich daran, wie Pandarus um seine Nichte für die Bewer- bungen des Troilus zu gewinnen, nachdem er wie bei Boccaccio zu deren Unterstützung gesagt dass Troilus sonst vor Liebe

1) Selbst Troihis spottet darüber (I, v. 755 ff.): But suffir nie my fortune to bewailen , For thy proverbis may nouglit me availen.

Sandras. Etüde sur G. Cliaucer. 93

Sterben werde, nun hier hinzufügt: ..dann will ich auch sterben, mein Wort darauf, Nichte, ich lüge nicht, mit diesem Messer werde ich mir den Hals rein abschneiden (al should I with this knife my throte kervin) und wenn Ihr uns beide so schuldlos habt sterben lassen, dann habt Ihr fürwahr hübsch gefischt! (than have ye fishid faire)" ^). Dass Chaucer's Gedicht im Ganzen in ästhetischer Beziehung weit hinter dem Filostrato zui-ückbleibt . wird schon nach dem Gesagten nicht zweifelhaft erscheinen; es fehlt ihm in jeder Beziehung die Einheit, die der Composition, der Charakterzeichnung und des Stiles, an deren Stelle vielmehr ein seltsames Quodlibet tritt. Dem Filostrato hingegen gereicht gerade die Einheit der Com- position und des Stiles mindestens , zur besondern Zierde. Dies Gedicht ist ebenso wie die Teseide, auf die wir alsbald genauer zu reden kommen, von der ästhetischen Kritik wie nicht minder von der Literaturgeschichte bei weitem nicht genug gewürdigt, vielmehr in der Regel geradezu vernachlässigt worden (wie viel sagen z. B. Ginguene und Ruth darüber!). Wie es aus der Liebe des Dichters selbst entsprungen ist, von der es ja selber offen Zeugniss ablegt, so zeichnet es sich durch eine Wahrheit der Empfindung und durch eine Kraft der Leiden- schaft aus, \vie sie uns selten in einem Kunstwerke entgegen- tritt, und dargestellt mit einer pittoresken Kunst, die einen Reichthum der Phantasie und eine Lebendigkeit der Anschauung bekundet, wie sie nur ein grosser Dichter besitzt. Im beson- dern möchte ich einen Punkt noch hervorheben, der soviel ich weiss niemals bemerkt worden ist. Wenn Chaucer be- kanntlich ein Sonett des Peti-arca einem der Monologe des Troilus einverleibt hat, so ist ihm auch in dieser Beziehung, mindestens in einem allgemeinen Sinne, Boccaccio Vorbild ge- wesen. Auch bei ihm nämlich finden sich, und zwar nament- lich in den Briefen des Troilus, Strophen von demselben lyrischen Charakter, die wenn sie nicht bestimmten Sonetten entlehnt sind, doch gar leicht in solche verwandelt werden

') 11, V. 322 ff. Alan vgl. dainit noch v. Ö51 ff.:

And also tliinke wel that this is no gaude, For me were levir thou and I and he Were hongid, than that I shonld bcn Ins bände, As high as nien might on ns al isc ...

94 Kritische Anzeif^eii:

können '). Schon Emiliano-Giudici hat sehr richtig auf- merksam darauf gemacht, wie eben dieses, ästhetisch bedeu- tendste Epos Boccaccio's den grossen Einfluss Dante's auf unsern Dichter auch besonders oifenbarc. Dagegen ist meines Wissens noch nicht darauf hingewiesen, wie gerade der Filo- strato, der die in der Teseide zuerst auftretende Ottave bereits in einer weit höhern, ja oft schon recht bedeutenden Vollen- dung zeigt, nicht bloss den nächstfolgenden Epikern in dieser formellen Beziehung specielles Muster wurde, sondern auch einem der bedeutendsten, dem Poliziano, zugleich bei der Aus- führung der Charakterzeichnung seines Helden vorleuchtete, der an Troilus iir manchen Zügen auf das lebhafteste erinnert ^).

Doch kehren wir nach dieser längern Abschweifung zu dem Etüde des Herrn Sandras zurück. Unter dem Titel „Arcite et Palamon" lässt er dem eben besprochenen Gedicht The knighies fa/e' folgen. Obgleich den Canterbury-Erzählungen später ein besonderer Abschnitt, die zweite Hälfte des Buchs selbst gewidmet ist, rechtfertigt sich doch die Herauslösung des Gedichts aus diesem Krdse dadurch, dass Chaucer, wie bekannt, desselben unter dem Titel: „The Love of Palamon and Arcite" als eines besondern Werks in The Legende of good women gedenkt, sodass es demnach erst später mit den nöthigen Modificationen dem Cyclus der Canterbury tales ein- verleibt worden ist. Ueber die Frage worin jene bestanden

') Nur erinnern solche Stellen eher an Dantci^ als an Petrarca'« Lyrik. S. ein Beispiel P. II, st. 99:

E che ch'io faccia, l'imagine bella Di te sempre nel cor reca un pensiero, Che ogn'altro caccia che l'altro favella Che sol di te, benche d'altro nel vero Airanima non caglia, fatta ancella Del tuo valor, nel quäle io solo spero etc. etc.

2) Ich kann hier begreiflicher Weise in eine Begründung nicht ein- treten; auch bedarf deren es für den Kenner beider Gedichte schwerlich. Doch will ich mir nicht versagen, eine besonders auffallende Parallel- stelle hier aufzuführen. Troilus im Filostr. P. I, st. 22: Che e a porre in donna alcuno amore? Che come al vento si volge la foglia, Cosi in un di ben mille votte il core Di lor si volge etc. Giii- liano, in Poliz. Stanze, L. I, st. 14: Quanto e meschin colui che cangia voglia Per donna Che sempre e i}iu leggier ch'al vento foglia, E mille rolte il d) ruole e disvuole etc.

Sandras, Etüde siir G. Chaucer. 95

haben mögen, namentlich ob Chaucer die Teseide erst voll- ständig übersetzt hatte in The Love of Pal. and Are.-: darüber geht der Verfasser sehr kurz hinweg mit der Bemerkung: Les changements qu'a subis la fable elle-meme, permettent de sup- poser que tout d'abord Chaucer n'a pas ete plus esclave de la forme, et que le recit du Chevalier, debarrasse d'incidents qui n'allaient pas au but, est ä peu pres la redaction primitive. Mit den Vordersätzen mag man sich wohl einverstanden erklären, ohne darum dem a j^eit, -pres beizupflichten. Die ganze Anlage der Teseide, die, wenn man die Hauptfabel ins Auge fasst, so viele hors d'oeuvres aufweist, forderte allerdings zu Kür- zungen geradezu hei-aus; dass aber Chaucer's erste Bearbeitung sich enger an das Original anschloss, mehr den Charakter einer Uebersetzung hatte, also auch ausführlicher war, scheint mir gewiss. Darauf weisen nämlich die zerstreut vorkommen- den wörtlich übersetzten Stellen hin, die mir als Reste der ersten Redaction, die von der Ueberarbeitung unberührt ge- blieben waren, erscheinen. Tyrwhitt hat schon viele, wohl die meisten dieser Stellen, in seinen Anmerkungen angezeigt, einige kürzere, man möchte sagen ganz versprengte, durchaus bruchstückartige aber nicht, und eben diese dienen vielleicht noch besonders zur Beglaubigung jener Ansicht ^). Dass unser Verfasser dieses Gedicht aber gerade an dieser Stelle abhandelt, d. h. zu den. Werken Chaucer's zählt, die aus ita- lienischer und französischer Quelle zugleich entsprangen, wird von ihm noch weit weniger gerechtfertigt, als solches, wie wir sahen, beim Troilus geschah. Sehen wir wie der Herr Verfasser verfährt, um zu dem Original Boccaccio's aufzu- steigen! Zuerst weist er die Ansicht zurück, dass die Teseide eine Uebersetzung des in Venedig 1529 im Druck erschienenen Gedichts ^rfth^ xat. '^6.]i.oi r-ric, ' EfxifjX^a^ sei, wie zuerst von Granucci behauptet worden, indem im Gegentheil letzteres Gedicht eine Uebertragung der Teseide sei. Darin hat der Verfasser ganz recht; aber er hat sich hier unnöthig be- müht, denn dasselbe hat und mit ganz denselben Gründen

') Man vgl. z. B. Canterb. tales ed. Tyrwhitt v. 1665. The destinee ministre generale und Teseide VI, st. 1. L'alta ministra del mondo Fortuna; und dabei ist zu beachten, dass der Ausdruck ministre yenerctl keinen rechten Sinn gibt, nicht im Zusannuenliang mit dem Folgenden und noch weniger an sich.

gg Kiititsclii- Anzeigen:

der von dem Verfasser so oft citirte Warten schon vor langer Zeit bewiesen. Allerdings ist der Irrtlium Granucci's in neuester Zeit selbst noch wiederholt worden, und sogar, doch offenbar nur als lapsus calami, von einem bedeutenden Gelehrten. Es hätte also genügt , bloss an Warton's Unter- suchung zu erinnern. (Der Herr Verfasser fügt übrigens dem Beispiel das VVarton aus dem griechischen Gedicht gegeben, ein neues hinzu). Soweit also wird Jedermann mit dem Verfasser einverstanden sein. Aber wie weiter? Einen altern griechischen Text anzunehmen, erklärt er für eine Hypothese ohne Grundlage (hypothese sans fondement), zumal dieselbe noch eine neue, die einer lateinischen Uebersetzung, verlangte, da Boccaccio zur Zeit der Abfassung jenes Gedichts sehr wenig Griechisch verstanden habe. Kein Beweis sei dafür da, dass Boccaccio das Sujet aus dem Griechischen genommen habe; andererseits sei er auch nicht der Erfinder, nach seinem eigenen Geständniss ^). „Mais qui a imagine la fable? Teile qu'elle se presente, avec les couleurs que Boccace parait lui avoir en partie conservees, je la rattacherais au cycle greco- romain; je lui ferais une place entre le Roman de Thebes et celui de Troie. Au Heu de nous laisser aller aux conjectures, il est plus sage de former des voeux j^our la decouverte d'itn texte qui nous dise que cette charmante fiction est nee de notre fiol''- {^. 55). Und hat auf diesen frommen Wunsch hin der Herr Verfasser gewagt, das der Teseide nachgebildete Gedicht Chaucer's unter die seiner Werke zu setzen, die theil weise aus französischer Quelle entsprungen sind? Freilich 80 Seiten später w^agt er bereits schon mehr, indem er sagt: ,,Chaucer a imite le Filostrato et la Theseide, poemes qui sont, Vun rertainement (?!), Vautre vraisemblablement d'origine f7'angaise." Das ist ein lehrreiches Beispiel, zu sehen wie die Irrthümer auf dem Felde der Literaturgeschichte zu entstehen, und

1) Ich will die betreffende Stelle des Briefs Boecaccio's an Fiam- metta, in welchem er die Teseide ihr dedicirt, hierher setzen, weil sie

zu wichtig für die folgende Untersuchung ist: trovata iina anti.

ehissima storia, e al piu delle genti non manifesta, bella s\ per la ma- teria, della quäle parla, che e d'amore, e si per coloro, de'quali dice che nobili giovani furono e di real sangue discesi , in latino voh/are e in rima acciocche pih dilettasse , e massimamente a voi desi- derando di piacervi, ho ridoffa. (Ausg. Firenze 1831.)

Sandras, Etüde Mir G. Chaucer. 97

zu wachsen pflegen. Und nicht wenige gerade sind aus sol- chen patriotischen Wünschen entsprungen! So weit wir aber selbst die Grenzen des Gebietes des französischen Einflusses im Mittelalter stecken, indem wir anerkennen, dass die fran- zösische Literatur die Weltherrschaft damals besass, so wenig können wir doch auch nur die Hoffnung des Verfassers in dem vorliegenden Falle theilen. Vielmehr kann es unseres Erachtens bei einer genauem Betrachtung auch nicht dem ge- ringsten Zweifel unterliegen , dass Boccaccio's Gedicht aus einer griechischen Quelle geflossen ist. Schon der ganze Cha- rakter der Fabel in seinen allgemeinen wie in seinen beson- dern Zügen bekundet die griechische Herkunft. Die Scene ist nicht bloss in Griechenland, die Fabel ist zugleich in die innigste Beziehung zu der Heroensage dieses Landes gesetzt, ja durch die Erinnerung an sie offenbar selbst hervorgerufen : die Haupthelden von denen der eine, Palemon, ohne Zweifel auch nach einem Nachkommen des Cadmus, dem Sohne der Ino , genannt worden ist sind Vettern , und ,,die letzten des Thebanischen Blutes" (Tes. V, st. 59), zu- gleich die innigsten Freunde, die sich wie Brüder lieben, ihr Kampf, der auf Palemon's Verlangen ja ursprünglich auf Leben und Tod sein sollte, erinnert ganz von selbst an den Kampf der Brüder Eteokles und Poljnikes, sowie an den der Vettern Laodamas und Thersander; Theseus Zug nach Theben wird in dem zweiten der beiden Eingangsbücher des Gedichtes ge- schildert, bei Thebens Eroberung werden die beiden Freunde seine Gefangenen. An die beständigen und so zahlreichen Anspielungen auf die Sagen von Theben und Troja, welche die genauste Kenntniss derselben in allen Einzelheiten voraus- setzen und zwar, was wohl zu beachten, nichtallein bei dem Dichter, sondern auch bei dem Leser, will ich hier bloss erin- nern: ich lege darauf hier weniger Gewicht, zumal es Jeman- dem beikommen könnte, sie alle auf Rechnung des Boccaccio zu setzen ein Einwand, den im Einzelnen zurückzuweisen mir hier der Raum fehlen würde *). Auch die griechische Götterlehre ist nicht bloss auf das breiteste eingemischt, son- dern, was für unsern Beweis weit wichtiger ist, mit der Fabel auf das engste verknüpft; die Katastrophe selbst ist ein Werk

') Um wenigstens ein Beispiel solcher Anspielungen zu geben : Emilie schenkt dem Palemon unter andern eine Kette: sie wird ganz Jahrb. f. ruiii. u. tiigl. Lit. IV, l. 7

98 Kritisclie Anzeigen :

der Götter. Die Furie „Erinnis" erscheint auf den Bclelil der Venus, und vor ihrem furchtb.Tren Anblick scheut das Pferd des Arcita, das sich überschlagend seinen Reiter tödt- lich verletzt. Venus und Mars, jene des Palemon, dieser des Arcita Schutzgottheit, hatten sich ja, v.ie dargelegt wird, nach Art der Homerischen Götter, über den Ausgang des Kampfes verglichen. Noch belangreicher aber ist, dass das Gedicht überhaupt auch nicht eine Spur des Christenthums zeigt, viel- mehr das religiöse Bewusstsein , das sich in ihm kundgibt, durchaus das des griechischen Heidenthums ist. Die höchste Weltmacht ist Fortuna, das Schicksal. Diese Beobachtung, die keines Beweises hier bedarf, da die Leetüre des Gedichts sie einem Jeden von selbst bestätigt (man sehe nur z. B. VI, 1 ; VII, 1 ; auch V, 80 u. s. w.) , führt nothwendig zu dem wich- tigen Schluss, dass die Abfassung des Originals in eine ältere Zeit hinaufragt, indem der Dichter desselben offenbar kein Christ war. Auch die Sitten und Gebräuche sind ja grie- chisch durchaus: die Opfer in den Tempeln, die Orakelsprüche, die Todtenfeier mit ihren Kampfspielen, und diese Verehrung der Götter und der Verstorbenen nimmt ganze Gesänge ein und wird in allen kleinsten Einzelheiten dargestellt, und der entscheidende Zweikampf selbst mit seinem folgenden Triumph- zug ist kein abendländisches Turnier, sondern ein Kampf in dem Circus (teatro), der nicht von den beiden Gegnern allein, die hier vielmehr persönlich gar nicht aufeinander treffen; son- dern von ganzen Schaaren , die ihnen folgen, durchgefochten wird ^). Dieser letzte Umstand kann vielleicht auch zur ge- nauem Zeitbestimmung der Abfassung des Originals dienen.

allein dadurch eharakterisirt , dass sie mit der des Anipliiaraus ver- glichen wird. Tes. IX, st. 70.

Appresso iina collana simigliante

A quella, per la quäl si seppe il loco

U Anfiarao si stava latitaiite ,

Lieta gli die, dicendo etc. etc. Diese Anspielung z. B. kann nicht das AVerk Boccaccio's sein , man müsste denn wieder annehmen, die ganze betreffende Stelle sei von seiner Erfindung was aus mehreren Gründen äusserst unwahrscheinlich wäre. 1) Arcita erlangt den Sieg, indem Palemon von einem Boss des Cronis, eines seiner Gegner, welches sich des Menschenfrasses er- innerte (che si ricordava gli uomini mangiar), gebissen und niederge- worfen wird. Tes. VIII, st. 120.

Sandras, Etüde sur (i. Chaucer. 99

Sollte er nicht etwa auf die Kämpfe der Circusfactionen Coii- stantinopels hinweisen? Nur um so mehr möchten wir dann das Ende des V. Jahrhunderts als die Zeit der Abfassung ansehen. Auf ein höheres Alter, sowie zugleich indirect auf eine griechische Quelle deutet Boccaccio auch selbst in der zweiten Strophe seines Gedichts hin i). Meines Erachtens war, um es kurz zu sagen, ein griechischer Roman in Prosa Boccaccio's Quelle. Auf die prosaische Abfassung des Ori- ginals weist der Ausdruck ,,storia" schon hin, dessen sich Boccaccio auch in dem einleitenden Brief an Fiammetta zur Bezeichnung des Originals bedient, ingleichen wohl das e in rima eben jener Einleitung-); noch sicherer jedoch die Com- position des Ganzen , sowie auch die Ausführung einzelner Partien ^). Zugleich finden sich die meisten der eigenthüm- lichen Merkzeichen des griechischen Romans , über die Herr Du Meril mit ebenso viel Gelehrsamkeit als Scharfsinn in der Einleitung seiner Ausgabe von Floire et Blanceflore sich verbreitet hat, und gerade solche die von ganz objectiver Natur sind, hier wieder: so das urplötzliche Verliebtwerden (des la premiere rencontre l'amour eclate subitenient, comme un coup de tonnere, 1. 1. CXXIV), die Entscheidung durch einen cleus ex machina , die Weissagung des Ausgangs, die degtdsements (vgl. a. a. O. namentlich CXCV). Dass auch die Verfeinerung der Bildung und die Nützlichkeitsrücksichten hier bei den Helden sich zeigen (man sehe namentlich die Reden der beiden Freunde IV. St. 45 ff.)r ist gewiss; dergleichen aber könnte auch auf

') Dieselbe seheint der Verfasser gar nicht beachtet zu haben : Che m'e venuta voglia con pietosa Rima di scriver nna storia antica , Taiito negli anni riposta e nascosa, Che latino autor non par ne dica. Per quel ch'io senfa, in libro alcuna cosa. Wenn die ,, Geschichte" also so alt ist, dass kein lateinischer Schrift- steller von ihr redet, muss sie doch wohl ein griechischer verfasst haben.

'^ S. oben p. 96, Anmerk. Diese Worte (e in rima) fehlen in äl- teren Ausgaben, z. B. der des Parnaso ital. Venezia 1820. Vol. XV. ä) I^etztere ist eben ganz prosaischer Natur. Man sehe z. B. Tes. V, St. 20 f. Solche Stellen unterscheiden sich im Ton auffal- lend von der übrigen Darstellung, indem sie nichts als eine versifi- cirte Prosa sind. In Betreff der Composition aber braucht nur an die beiden ersten Bücher und ihr Vcrhältniss zum Ganzen erinnert zu werden.

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^^) Kritische Anzeigen :

Boccaccio's Rechnung gesetzt werden. Endlich sei nocli be- merkt, dass auch die ästhetische Grundidee des Werkes, der Conflict der Liebe mit der Freundschaft, für die griechische Herkunft zeugen kann, in welcher Beziehung unsere Fabel an die von „Athis und Prophilias" erinnert'). Was noch die Frage betrifft, ob Boccaccio im Stande gewesen sei, nach einem griechischen Original zu arbeiten: so mag man dieselbe allerdings verneinen, denn es kann sehr wohl eine lateinische Uebersetzung, vielleicht bloss zu diesem besondern Zwecke gemacht, die Kenntniss des Originals ihm vermittelt haben, ein Vorgang von dem sich ja andere, docunientirte Beispiele finden ^).

Dass aber nach dem eben Dargelegten an einen fran- zösischen Ursprung der Fabel der Teseide auch nicht im ent- ferntesten gedacht werden kann, wird, hoffe ich, wol jeder Leser zugeben; vielleicht dann auch, dass es schwer fällt mit dem Verfasser zu glauben, Boccaccio habe bei dem Bilde der Emilia die Dame Oyseuse des Guillaume de Lorris, diese alle- gorische Figur des Romans von der Rose, copirt. Allerdings ist die Aehnlichkeit auffallend: beide grün gekleidet tragen einen Kranz, beide haben blonde Haare, eine gerade Nase, einen kleinen Mund, ein Kinn mit einem Grübchen und ge- wölbte Augenbrauen die durch einen grösseren Raum getrennt sind •'). Dieser letzte Zug ist an sich und noch mehr das

1) S. über letztere Dichtung Du Meril, 1. l. CXXIII: W. Grimm, in Abhandlungen der Berliner Akademie 1846. p. 394 ff., und in Haupt's Zeitschrift XII, p. 185 ff. (namentlich p. 202 oben).

2) Wie Boccaccio bei seiner Behandlung der griechischen Quelle verfahren haben mag, auf diese schwierige Frage kann ich am wenig- sten hier eingehen. Die Frage ist um so schwieriger, als man nicht wissen kann, welche Umgestaltung das Originalwerk in einer lateini- schen Bearbeitung, die es Boccaccio wohl vermittelte, erfahren hatte. Das die Schilderung der Wohnung des Mars (Buch VII) der Thebais des Statins entlehnt ist, ist bekannt; und zwar scliliesst sich Boccaccio in der AVahl der Worte so unmittelbar an Statins an, dass er letz- teren selbst, oder eine Reproduction desselben, aber eine lateinische, vor Augen gehabt haben muss.

3) sorcis votis Son entr'oil ne fus pas petis Ans iert assez grans par mesure. Sotto la quäle (sc. fronte) in volta tor- tuosa Quasi di mezzo cerchio terminata Eran due ciglia che una lata Bianchezza si vedea lor dividendo. (Tes. XII, st. 55); Gewölbte Augenbrauen waren eine besondere Eigeuthümlichkeit des l'uzantinischen Kunststils !

Saudras, Etüde sur G. Chaucer. ' |(J|

Zusammentreffen der beiden Dichter in demselben merkwürdig, und fordert dies zu mannichfachen Betrachtungen auf, gerade wenn man zu dem scheinbar so einfachen und doch so äusserst unwahrscheinlichen Ausweg des Herrn Verfassers sich nicht entschliessen mag ^).

Mit vollem Recht weist der Verfasser schliesslich die englische Ansicht zurück , als habe Chaucer in seiner Bear- beitung die Teseide verbessert. Das gerade Gegentheil ist der Fall. Er hat den poetischen Gehalt wesentlich vermindert, und nicht einmal zum Vortheil einer prosaischen Wahrschein- lichkeit. Sein Gedicht ist unpoetischer und unwahrer zugleich. Die Idee der Fabel selbst erscheint verkümmert; die feinsten Züge sind weggelassen z. B. dass Palemon, der den Arcita zum Kampf im Walde aufsucht und ihn schlafend findet, wartet bis er von selbst erwacht; an die Stelle poetischer Motive sind die prosaischsten gesetzt u. s. w. Kurz es kann für einen Unbe- fangenen von nur einiger ästhetischer Bildung gar keine Frage sein, welcher Dichter hier den Preis verdiene. Die Frage hat an sich auch kein Interesse, wohl aber eine andere: wie kam es, dass Chaucer, den wir als Dichter ebenso hoch als Boccaccio schätzen, so verfahren hat? Ich weiss niclit, ob diese Frage schon beantwortet, oder nur aufgeworfen ist. Sie gründlich zu beantworten wäre nicht bloss von Interesse, nein von Wichtig- keit. Drei Momente sind es vornehmlich, welche die Art der Bearbeitung bedingten: 1) die eigenthümliche poetische Indivi- dualität Chaucer's im Gegensatz zu der des Boccaccio; 2) der Unterschied seiner Bildung nicht allein von der des Boccaccio, sondern, was mehr sagen will, von der in welcher die Teseide wurzelt; 3) die Einschaltung des Gedichts in den Kreis der Canterbury tales, welche nicht bloss etwa zu bedeutenden Kür-

^) Schon der Raum fehlt mir, diese Betrachtungen hier anzustel- len, doch hoffe ich eine andere Gelegenheit dafür zu finden; und bei dieser auch auf die andere Parallelstelle, die Beschreibung des Gartens der Venus, bei Guill. de Lorris und Boccaccio, einzugehen. Nur sei hier angemerkt, dass der Einfluss der byzantinischen Literatur auf die des Abendlandes zum grossten Theile noch gar nicht constatirt ist und dass dieser Einfluss weit grösser, namentlich tiefer ist, als man vermuthet. Die grosse Lücke, die unsere Kenntniss in jener Richtung zeigt, kann aber Niemand wundern, wenn man bedenkt, wie wenig auch die lateinische Literatur des Mittelalters schon gekannt, durchforscht und «ewürdi^;! ist.

1Q2 Kritisclic Anzeigen:

zungeii nütliigtc, sondern zu einer Modilication der Darstellung durch den Charakter des Erzählenden, des Ritters, und durch den seiner Umgebung. Chaucer musste eben deshalb diese antik-moderne Erzählung sozusagen ins Mittelalterliche über- setzen; so wie sie Boccaccio erzählte, hätte sie keinenfalls in den Mund seines Ritters gepasst: aber ich bezweifle zugleich dass Chaucer , sobald er überhaupt selbständig verfuhr , in vielen Fällen anders hätte verfahren können oder mögen, bei dem Unterschiede seiner Bildung und seiner Individualität. Und so möchte eine genaue Vergleichung beider Gedichte in Rücksicht auf das zweite Moment, dessen wir gedachten, auch ein neues Zeugniss für die griechische Herkunft der Fabel liefern.

Noch werden The Court of Luve und T/te Assemhle oj Foules unter den Gedichten, die aus italienischer und fran- zösischer Quelle zugleich entsprungen sind, aufgeführt. In dem ersteren soll das Porträt der Rosiall eine Copie der Emilia der Teseide sein, an die jene allerdings ganz anders erinnert, als Emilia selbst an Dame Oyseuse; indess zeigt Rosiall manche besondere Züge, die, weil fel-n von einer idealen Schönheit, mir wenigstens bekunden, dass der Dichter das Bild einer Schönen, die seinem Herzen werth war, malte, wenn er es auch in manchen Beziehungen, und dann vielleicht eben nach dem Vorbild der Emilia, idealisirte. Uebrigens ist dies zugleich ein Anzeichen mehr, dass der Held des Gedichts, Philogenet, Chaucer selbst ist. In dem an Venus gerichteten Gebete aber vermögen wir nicht mit dem Herrn Verfasser eine Nachahmung einer Stelle des Filostrato (III. st. 74 ff.), kaum nur eine Reminiscenz davon zu linden. Die französische Quelle dieses Gedichts betreffend, so erinnert der Verfasser bei den Statuten der Liebe an den Roman von der Rose (ed. Meon 1, p. 83) und bei der Messe der Vögel an Conde's Debat der Chanoinesses und Bernardines. Wir möchten aber diesmal weiter gehen, als der Verfasser, und glauben dass Chaucer die Idee des Gedichts selbst französischen Vorbildern verdankte, die ihrerseits wieder dem Vorgange lateinischer allegorischer Dich- tungen folgten. Ich erinnere beispielsweise in jener Beziehung nur an das ,, Paradies der Liebe", von dem Le Grand d'Aussy (3° ed. II, 25-1:) Nachricht gibt und auf das ich bei einer an- dein Gelegenheit (Jahrb. II, 297) bereits hingewiesen, und in dieser an den Architrenius des Johann von Hauteville, in dem

Sandras , Etüde sur Chauoer. 103

der Palast der Venus und des Cupido beschrieben wird. In Betreff des zweiten oben aufgeführten Gedichtes aber sei hier nur eine interessante Entdeckung des Herrn Verfassers hervorgehoben. Das roundel das die Vögel singen (v. 673 ff.), dessen note ymakid was in Fraunce und dessen erster Vers nach Chaucer: Qai bien aime a tard ouhlie lautet, hat sammt der Musik der Verfasser in einer Handschrift Machault's auf- gefunden. Ausser diesem Rondeau theilt der Verfasser auch eine Balladenstrophe E. Deschamps', die fast denselben Refrain bat, mit.

Im vierten Kapitel geht der Verfasser hierauf zu dem Studium der Gedichte s^ns ausschliesslich französischer Quelle über. Er eröffnet dasselbe, indem er den Dichter, welchem hier Chaucer das meiste verdankt, den oben genannten Ma- chault als den Hauptrepräsentanten der französischen Poesie des XIV. Jahrhunderts, jener Epigonendichtung höfisch-allego- rischen Stils, bezeichnet und als solchen zur Anerkennung zu bringen versucht. Guillaume de Machault (1295 1377) ist freilich bisher so wenig beachtet, dass die Literaturgeschichten meist nicht einmal seinen Namen verzeichnet haben. Froissart war nach dem Verfasser nicht etwa bloss ein Schüler, sondern ein ,,copiste" Machault's ein unseres Erachtens docli zu strenges Urtheil ; er war es indessen , der die Poesie seines Meisters in England und zwar an dem Hofe zu Ehren brachte. Die Gedichte Chaucer's, in welchen sein Einfluss sich zeigt, haben auch alle einen hötischen Charakter und eine besondere Beziehung zu der Familie Lancaster. In Clmuccrs Dreame, in welchem keltische Sagen, zum Theil wohl vermittelt durch die Lais der Marie de France, den besten dichterischen Schmuck bilden, soll der Ausgangspunkt der Composilion, wie es scheine, dem Dit du Lyon Machault's entlehnt sein; ein Beweis wird dafür nicht geliefert. Das „Buch der Herzogin" erscheint nach den Untersuchungen des Verfassers als die merkwürdigste Mo- saikarbeit, componirt vornehmlich aus Reminiscenzen aus dem Roman von der Rose und den beiden Dichtungen Machault's : la Fontaine amoureuse und le Rem'ede de Fortune. Hier fehlt es nicht an interessanten und überzeugenden Belegen. Die Idee des hübschen Gedichts: The Floure and the Leafe ver- dankt Chaucer einem Schüler und Neffen Machault's, Eustache Deschamps (13iO 1110): in zwei Balladen, von denen die eine, von Tarbe veröffentlicht, Philippa von Lancaster ge-

JQ4 Kritis<)ie Anzeigen:

widmet ist, die andere von Herrn Sandras zuerst hier publi- cirt wird, vergleicht Deschamps die Blume mit dem Blatt, und gibt der erstem den Preis, in einer dritten ungedruckten jedoch, wie Chaucer, dem letztern. Der Eingang aber von Chaucer's Gedicht ist dem DU du Vergier Machault's nach- gebildet, sogar mit stellenweiser wörtlicher Uebertragung; der Schluss erinnert an das Lai du Trot. Bei alledem rühmt und mit Recht der Verfasser dieses Gedicht, indem die Hauptidee doch mit voller Spontaneität eigenthümlich entwickelt sei. Rücksichtlich des Complaint of the black Icnight, welches Ge- dicht dem Dit du bleu Chevalier Froissart's vollkommen gleicht, enthält der Verfasser sich über die Frage der Priorität des Urtheils. Die französische Herkunft des Gedichts von dem Kuckuk und der Nachtigal gibt sich durch den Ruf der letz- tern Ocy, ocy ; und noch mehr durch die Erklärung desselben (vers 131 f.) leicht zu erkennen. Obwohl dieselbe Herkunft der Verfasser bei Chaucer's ABC vermuthet, vermochte er doch nicht ein bestimmtes Original nachzuweisen, was indessen dem Chevalier de Chatelain, dem neuesten französischen Uebersetzer der Canterbury tales, jüngst gelungen ist (Tome III. dieser Uebersetzung 1861): dasselbe ist ein bisher unbekanntes Ge- dicht Guillaume's de Guilleville.

Im fünften Kapitel betrachtet der Verfasser kurz Chaucer's Nachahmung der Alten in Annelida and Arcile , der Legende of good Women und dem „Haus des Ruhmes". In Betreff des ersten Gedichts, dessen Quelle zum grössten Theil dunkel ist. vermochte der Verfasser keine neue Aufklärung zu geben; in Betreff der andern müssen wir. da es uns ferner an Raum hier mangelt, auf das Buch selbst verweisen.

Aus diesem Grunde können wir auch nur das Wichtigste der zweiten Abtheilung, welche ganz den berühmten Erzäh- lungen gewidmet ist, hier kurz andeuten; ohnehin ruht da des Verfassers Darstellung, wie er selbst erklärt, wesentlich auf seiner Vorgänger Studien. Der Verfasser glaubt dass die Idee der Composilion der Canterbury tales Chaucer nicht dem Decameron schulde; sondern der Disciplina clericalis und dem Roman der sieben Weisen. Ein eigentlicher Beweis wird gar nicht gegeben; mir will die Ansicht keineswegs einleuchten: vielmehr entdecke ich nur von neuem in ihr jene Verkennung oder Unterschätzung der Bedeutung der italienischen Kunst im Gegensatz zu der mittelalterlichen wie sie Frankreich in solcher

Sandras, Etüde sur G. Chaucer. 105

Macht und Fülle repräsentirt worauf ich .schon früher hin- gewiesen. Der Verfasser zeichnet dann zuerst die Gestalten und Charaktere der Pilger, indem er reichliche Auszüge aus dem Gedicht in Uebersetzung in seine elegante Darstellung verwebt und an analoge Charakteristiken der Trouveres hier und da erinnert. Auch hier entdeckt er noch Reminiscenzen aus dem Roman von der Rose: schwerlich aber immer mit Recht, obschon dergleichen Parallelstellen darum doch meist recht interessant bleiben i). Endlich werden noch die Quellen der Erzählungen abgehandelt, indem drei Classen: Legenden, bretonrsche Lais und Fabliaux, unterschieden werden, welchen eine vierte Classe, alle, übrigen Erzählungen umfassend, er- gänzend sich anschliesst. Ueber die Art, Avie Chaucer diese Quellen benutzte, resumirt seine Urtheile der Verfasser am Schlüsse (p. 255) dahin: ,,j'ai constate que, dans les legendes, le poete suit ordinairement le texte; que, dans les lais bretons, il mele l'erudition et la satire a l'element chevaleresque; qu'enfin, dans les fabliaux, tout en se conformant au canevas primitif, il devient createur, a la maniere de La Fontaine, dans l'apo- logue, par la poesie des details, par l'eloquence si variee qu'il prete aux differents personnages, et par la profondeur et la verite des caracteres'-. Wie schon der letzte Satz zeigt, weiss der Verfasser Chaucer's dichterische Verdienste sehr wohl anzu- erkennen, wenn er auch vielleicht nicht überall dieselben zu entdecken wusste; und es ist keineswegs seine Absicht Chaucer in Schatten zu stellen: indem aber der besondere Vorwurf seines Buches der ist, nachzuweisen was und wie viel Chaucer der französischen Dichtung verdankte was schon der Titel in dem einseitig, oder mit Uebertreibung gewählten Zusatz : „imitateur des trouveres" anzeigt so lässt er sich nur zu leicht verführen, einerseits andere Einflüsse, wo sie mit dem Französischen coUidiren, zurückzuweisen, andererseits dem letz- tern an sich eine andere und höhere Bedeutung zu geben, als ihm gebührt. Dies zeigt sich auch in diesem Abschnitte des

i) So soll Chaucer bei der Kleidung des Squier das Gewand des „Dieu d'amour.s" entlehnt haben. Denn bei Chaucer (v. 89 ff.)